Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

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Yak
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Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

#1

Beitrag von Yak »

Hallo liebe Forengemeinde,

ist denke ich eher ein Frage an die Fachleute :-)
Ich probiere ja gerade in der Erstversorgung mehrere Geräte aus.
Die Einstellungen, die meine Akustkerin (und ich) für die derzeitigen Geräte gewählte haben, scheinen mir recht gut zu sein, nun die Frage.

Es sind Geräte auf gleichem Techniklevel (soweit das möglich/vergleichbar ist).
Lassen sich jetzt die EInstellungen der ermittelten Werte zB vom Starkey wieder ohne weiteres auf das demnächst (wieder) folgende Signia übernehmen, oder sind deren technischen Besonderheiten oder generell der Ansatz, wie das Gerät arbeitet, nicht transponierbar.
Dann würde das bedeuten, dass man fast wieder bei Null anfangen würde.
Daraus erschliesst sich natürlich die weitere Frage: Sollte dann zB bei Gerät A das ungefähr gleiche rauskommen wie bei B oder sind deren internen Prozesse so unterschiedlich, dass die Vergleichbarkeit nicht gegeben ist oder auch die System-EInstellsoftware das nicht so 1:1 zulässt (also da schon Kompromisse gemacht werden müssen).
Beim ersten Testgerätwechsel ist mir nur aufgefallen, dass die eigene Sprache (beim Starkey) nich so übel ist wie beim Signia (OVP aus), oder verarbeiten die Geräte/Hersteller selbst eigene Sprache noch so unterschiedlich, oder sind es eher generelle nicht durch Anpassung vorgegebene "Sounddesigns" der Hersteller ?

Der Wechsel bei mir von Starkey zum Signia war auffallend,was das Soundumfeld angeht, entweder durch die EInstellungen oder dem "Soundkonzept" her, ist die Wahrnehmung komplett anders.
Starkey scheint mir mehr das Soundfeld im Nahbereich zu priorisieren und ich fühl mich akustisch eher so wie in einer 3m Kugel (hab noch nie soviel von meinen Socken auf dem Teppich gehört ;) ), Signia gab mir zumindest den EIndruck, Sound so wahrzunehmen, wie man es kannte, also Geräuschverlust/Intensität weniger bei zunehmender Distanz.

Wenn dem so wäre, kann man da grob sagen, welcher Hersteller welches "Konzept" verfolgt oder ist das wirklich nur ein "Anpassproblem"

Für Anregungen oder ähnliche Erfahrungen wäre ich dankbar.
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Ohrbert
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Re: Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

#2

Beitrag von Ohrbert »

Ich finde die Fragestellung interessant. Bin zwar kein Fachmann, versuche aber trotzdem einmal meinen technischen Senf dazuzugeben.
Sollte ich groben Unfug von mir geben bitte ich die Fachleute um Richtigstellung :D
Was ist bei Hörgeräten gleich?
Vom Prinzip her arbeiten alle Hörgeräte gleich. Es wird über Mikrofone ein Eingangssignal aufgenommen. Das Signal wird in Frequenzbänder aufgeteilt und entsprechend dem Hörverlust und der Unbehaglichkeitsschwelle wird für jedes Frequenzband eine Verstärkung ermittelt. Normalerweise ist die Verstärkung auch noch vom Lautstärkepegel des Eingangssignals abhängig (meist 3-stufig), wodurch sich auch noch eine Kompression ergibt (bzw. ergeben kann). Leise Signale können also mehr angehoben werden als laute.

Diese ermittelte Einstellung könnte man also von einem Hersteller im Wesentlichen zu einem anderen Hersteller in der Software übernehmen.
Nun gibt es aber auch noch eine ganze Reihe von Zusatzfunktionen wie Rückkopplungsunterdrückung, Impulsschallunterdrückung, Windblock, Rauschuntersrückung, ... wo die Hersteller unterschiedliche Konzepte haben um den gewünschten Effekt zu erreichen. Das ist also nicht 1:1 zu übernehmen.
Auch andere Helferlein wie Frequenzverschiebungen (bei Phonak Sound Recover) sind wohl falls verwendet nicht einfach übernehmbar.

Ein wesentlicher Punkt ist aber wohl wie die verbauten Mikrofone die Umgebung aufnehmen und wie daraus das Eingangssignal der Signalkette generiert wird - Stichwort Richtwirkung, etc.
Das wird wohl einen ganz wesentlichen Einfluss auf den Klang haben, so dass im Endeffekt selbst bei gleicher Einstellung der Verstärkungen ein ganz anderer Klang herauskommen wird.

Daher wird meiner Meinung nach ein einfaches Übernehmen der Einstellungen nicht zielführend sein. Ich denke aber, dass ein erfahrener Akustiker sehr wohl die Einstellungen von einem Hersteller als Ausgangsbasis nehmen kann und durch die Informationen des Kunden - was ist gut, was ist schlecht - schneller zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommt als wenn er von null anfängt. Eben nicht durch Übernehmen der puren Werte sondern durch seine Erfahrung.
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Dani!
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Re: Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

#3

Beitrag von Dani! »

Als Ergänzung zu Ohrberts Beitrag:
Wesentlich ist auch die Dauer, bis zwuschen den unterschiedlichen Kompressionsstufen geschalter wird. Das ist im Millisekunden Bereich, bei jedem Hersteller und Anpassformel anders, ohne dass der Akustiker das ei stelken kann und damit der effektive Klang anders.
Bei der Verarbeitung des Signals gibt es hunderte Parameter, die jeder Hersteller intern anders gewichtet. Sogar in den einzelnen Chipplattformen.

Als Basis sollte der Akustiker die wesentlichen Einstellungen übernehmen können
Dominik
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Akustik Alex
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Re: Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

#4

Beitrag von Akustik Alex »

Hey Yak,

also eine direkte Übertragung gibt es nicht und man kann es auch nicht "abschreiben" und bei den neuen Geräten identisch einstellen. Das ist nur möglich, wenn alle Features ausgeschaltet werden und der reine Frequenzverlauft via Percentilmessung oder Messbox justiert wird. Dann ist es theoretisch annähernd identisch einstellbar. Dann kommen aber Danis Anmerkungen zum Tragen, nämlich dann, wenn man die Features alle wieder einschaltet. In wieweit das den Klang letztlich beeinflusst, kann ich aber auch nicht eindeutig sagen.

Besten Gruß,
Alex
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Yak
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Re: Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

#5

Beitrag von Yak »

Danke schonmal für Eure Antworten.

Das macht natürlich die Vergleichbarkeit nicht einfacher :). Wenn zB der Akustiker nicht so gute Erfahrungswerte mit Gerät/HErsteller X hat (evtl nicht so gute Kontakte zum Hersteller oder miese EInkaufsbedingungen ;) oder im schlimmsten Fall "wollen die nicht verkaufen") ) , der Nutzer es aber aufgrund verschiedenerer Dinge für sich in die engere Auswahl zieht, kann es also durchaus mal vorkommen, dass das ansich gute Gerät unter den Möglichkeiten angepasst wird und keinen bleiben Eindruck hinterlässt.

Da fällt die Differenzierung ja schwer herauszubekommen, ob einem das "Sounddesign" der Marke generell nicht zusagt oder es an der Anpassung liegt.
Was mich noch so ein wenig irritiert ist, wenn ich jetzt HdO GEräte teste, kann man dann vom Sound der IdO Geräte ähnliches (bei Chipgleichheit) voraussetzen, oder ist das nicht vergleichbar, weil IdO nochmal ganz anders abgestimmt sind, als ihre HdO-Geschwister. Ich will eigentlich vermeiden, dass meine Akustikerin von beiden Marken IdO GEräte anfertigen lassen muss. Oder sollte man das besser machen lassen ? Will ja auch keine unnötigen Kosten und Elektromüll produzieren ;)
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Re: Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

#6

Beitrag von Akustik Alex »

Gern!
Genau! Und da ist schon der Casus Knacksus der Hörgeräteanpassung. Die meisten Betriebe nutzen nur die berechnete Voreinstellung, wodruch die Geräte per se schon ganz unterschiedlich klingen. Die Mühe, alles objektiv ähnlich zu justieren, machen sich viel zu wenige. Ob das unbedingt nötig ist, ist vielleicht Philosophiesache, man kann ja auch die Voreinstellung aller Hersteller vergleichen. "Gut" eingestellt sind die damit aber vermutlich nicht.

Bei IdO und HdO gibt es pauschal Unterschiede. Die IIC und CIC Bauformen klingen garantiert anders, weil hier das zweite Mikrofon und somit auch einige Features fehlen. Ähnlich verhält es sich mit den Feautres, die eine Wirelesspule benötigen. Auch die gibt es hier nicht oder nur eingeschränkt. Ab der ITC-Bauform sind alle Bauteile möglich. Trotzdem klingen die Geräte meist anders, da das Restvolumen im Gehörgang ein anderes ist und/oder das Ohr einfach mehr veschlossen wird, um die höhere Rückkoppkungsneigung zu bändigen. Auch die Richtwirkung ist hier durch die Position der Mikrofone eine andere. Also nein: Es wird nicht identisch zum HdO sein ;) Aber, je nach Baugröße, ggf. ähnlich. Die Anfertigung und Ausprobe von IdOs ist eigentlich nicht kostenpflichtig für den Fachbetrieb. Es sei denn, die haben schlechte Konditionen. Ich habe es bisher nur in einem Betrieb erlebt, dass ein Hersteller eine Pauschale bei Rücksendung verlangt hat. Mag es aber durchaus öfter geben, kann ich nciht genau sagen.

Besten Gruß,
Alex
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Yak
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Re: Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

#7

Beitrag von Yak »

Hallo Akex
danke für die Rückantwort.
Die in Aussicht gestellen geräte sind beides ITC mit 2 Mikros. OK, dann sollte ich als keine Scham haben, beide HErsteller zu probieren.
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Re: Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

#8

Beitrag von svenyeng »

Hallo!

Ich habe ja Resound HGs.
Habe mal als Ersatz HG für paar Tage ein Starkey bekommen.
In der Software kam eine Abfrage nach den HGs die man vorher getragen hat.
Dort hat der Akustiker dann Resound ausgewählt und die Starkey werden dann so voreingestellt, das die möglichst so wie Resound klingen.

Gruß
sven
Ohrenklempner
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Re: Gleiche Einstellungen bei unterschiedlichen Herstellern übertragbar?

#9

Beitrag von Ohrenklempner »

Ich erzähle auch noch kurz was dazu :D

Grundsätzlich ist es möglich, Hörgeräte unterschiedlicher Hersteller so einzustellen, dass sie zumindest bei Sprache in Ruhe ähnlich klingen. Am einfachsten ist es dabei mit klassischen Anpassformeln. Wenn Hörgerät A nach einer Formel wie NAL-NL2 oder DSLv5 eingestellt wurde, kann man Hörgerät B auch so einstellen.

Wird nach einer herstellereigenen Anpassformel gearbeitet, könnte man aber zumindest "Pi mal Daumen" Hörgerät B so einstellen, dass es ein ähnliches Verstärkungsverhalten bietet wie Hörgerät A. "Quick and dirty" schaut man sich einfach die Verstärkungskurven von Hörgerät A an und biegt die Kurven von Hörgerät B entsprechend zurecht. Mittels Insitu-Messung kann man das Übertragungsverhalten von Hörgerät B auch so einstellen, dass es sich zumindest dem von Hörgerät A stark ähnelt. Aufs Dezibel genau wird das aber nicht gehen.
Bei der Methode von Starkey, die Sven erwähnt hat, versucht Starkey von vornherein das Hörgerät so einzustellen, dass es dem Übertragungsverhalten der Anpassformel des anderen Herstellers ähnelt.
Das sind aber alles nur Lösungen, die etwas handwerkliches Geschick erfordern und keine 1:1-Übertragung sind. Und wir reden ja hier nur von Sprache in Ruhe. Wenn die akustische Umgebung komplexer wird, arbeitet jeder Hörgerätehersteller mit seinen eigenen Algorithmen nach seiner eigenen Philosophie. Da wird Hörgerät A sich ganz anders verhalten und ganz anders klingen als Hörgerät B, obwohl beide grundlegend die gleiche Verstärkungseinstellung haben.
Carreau!
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