Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

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Atson
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Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#1

Beitrag von Atson »

Sorry für den kuriosen Titel, ich habe gerade gesehen, dass ich wohl schon fast 10 Jahre oder so nicht mehr hier unterwegs war (irgendwo hat es noch alte Beiträge von mir).

Meine "Karriere" in Sachen Hörgeräten in weiter fortgeschritten, und aktuell denke ich über CI (erst mal eine Seite) nach. Ich war im Juli schon zur ersten Voruntersuchung im SCIC in Dresden, habe einige CI-Träger in der Verwandtschaft und Bekanntschaft und nach den ersten Voruntersuchungen wurde mir die Meinung meines Haus-HNO bestätigt: Ein CI wäre genau richtig für mich, ich hätte beste Voraussetzungen und es wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt. Klingt alles zu perfekt, generell habe ich keine Bedenken gegen die OP und ich kenne wie gesagt doch einige, die ebenfalls sehr zufrieden sind. Aber dann kommt hin und wieder der Gedanke: Muss das wirklich sein? ... und spätestens im nächsten "normalen Gespräch", manchmal nur zu zweit mit einem meiner Kinder oder meiner Partnerin denke ich: Verdammt! Warum verstehe ich ihn/sie einfach nicht?!

Ich hänge mal mein Audiogramm an ohne erst mal weitere Messwerte und Untersuchungsergebnisse. Wie findet ihr das, ganz ehrliche Meinung? Sollte ich nochmal versuchen, mit Hörgeräten etwas "zu reißen" oder doch lieber jetzt, solange ich noch relativ gut im "Training" bin was Hören und (manchmal) Verstehen angeht, zum CI wechseln?!

Bin verunsichert...
Grüße
Atson
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M, 47, taub "mit Hörresten" im Tieftonbereich, 1. CI-OP geplant 12/2020 ...
Dani!
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Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#2

Beitrag von Dani! »

Dein linkes Ohr hat das bitter nötig. Rechts würde ich auch nicht mehr lange warten. Was da jetzt "genau richtiger Zeitpunkt" sein soll, weiß ich nicht. In meiner CI Gruppe haben einige besser gehört und dsmit die Chance gehabt, neben CI auch noch akustisch zu hören. Ob akustisch bei dir noch Sinn macht, weiß ich nicht.
Ich habe mit derselben Begründung mich nochmal 2 Jahre mit Phonak HGs rumgeschlagen, völlig umsonst. Dein aktuelles "Training" hilft dir beim neu Lernen.
Dominik
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KatjaR
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Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#3

Beitrag von KatjaR »

Hallo Atson,

ich halte die Zeit auch gekommen für zumindest erstmal ein CI. Mit den Hörwerten vermute ich mal, dass du mehr vom Mundbild absiehst und kombinierst, als dass du mit HG hörst.
Im Hochtonbereich bist du quasi taub, daher fehlen die Frequenzen die für manche Buchststaben nötig sind.
Wenn du es jetzt machst, rutscht du nicht in eine Kommunikationsloch, weil es bisher noch irgendwie geht und es mit CI mit großer Wahrscheinlichkeit um einiges besser gehen wird.
Das betrifft ja nicht nur das unmittelbare Verstehen, sondern auch das Ausmaß an Konzentration, welche man aufbringen muss, um noch etwas zu verstehen. Das kostet viel Energie, die woanders oft fehlt.
Ich wünsche dir, dass du die für dich richtige Entscheidung triffst und wie auch immer gut klar kommst damit.
LG
Katja
Langjährige CI-Trägerin (AB) Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.
(Rainer Maria Rilke)
Rondomat
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Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#4

Beitrag von Rondomat »

Ich bin ebenfalls der Meinung, angesichts der Hörkurven ist da mit Hörgeräten nichts mehr zu reißen, und zwar auf beiden Seiten. Wenn Du schon einige CI-Träger und Ihre Hörerfahrungen mit dem CI-Hören kennst, hast Du ja schon einen Eindruck davon erhalten. Und mental hast Du Dich auch schon darauf vorbereitet - letzte Zweifelfragen hatte ich damals vor meiner CI-Entscheidung auch, diese jedoch mangels Alternative bald verworfen.
Daher sind Deine Voraussetzungen gar nicht so schlecht und schliesse ich mich Katja's guten Wünschen an.
Viele Grüsse, Rainer
_________________________________ Ich habe dauernd Med-el's im Kopf ....
NRE
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Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#5

Beitrag von NRE »

Hallo,

ich hänge mein Audiogramm mal an. Aktuell bin ich in der Phase der Neuversorgung mit Hörgeräten. Mein Hören besteht natürlich aus Mundbild, kombinieren und hören. Telefon, TV und PC kann ich mit den Bluetooth Zusatzgeräten gut verstehen. Eine deutlich sprechende Person in ruhiger Umgebung auch. Alles andere ist eine Katastrophe.

Ich bedauere, mich in früheren Jahren nicht für ein CI entschieden zu haben. Im alter von fast 77 Jahren traue ich mich nicht mehr an eine Implantation und möchte sie mir nicht zumuten.

Alles Gute.

Norbert
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Dani!
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Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#6

Beitrag von Dani! »

Alter ist keine valide Begründung für's nicht implantieren. Ganz im Gegenteil erhält man eine noch nie dagewesene Steigerung der Lebensqualität und man (bzw. der Kopf) wird wieder gefordert! Im amerikanischen SHF haben sich in den letzten Monaten plötzlich sehr viele langjährige Forenteilnehmer jetzt im Rentneralter für ein CI entschieden. Es ist ein steiniger Weg. Vor der OP erst bergauf, dann bis zur Erstanpassung durch eine tiefe dunkle Schlucht, die es wirklich in sich hat, anschließend befindet man sich aber auf einem sonnenbeschienenen Hochplateau. Aber ich bin schon ruhig, wollte nicht nochmal versuchen, dich zu überzeugen ;)
Dominik
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NRE
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Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#7

Beitrag von NRE »

Hab schon verstanden :)
Ohrenklempner
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Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#8

Beitrag von Ohrenklempner »

Ich würde es dennoch mit einer herkömmlichen Hörgeräteversorgung ausprobieren. Wenn das nicht funktioniert, dann weiß man es wenigstens. ;)
Allons-y!
Atson
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Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#9

Beitrag von Atson »

Hallo und vielen Dank für Eure Antworten. Ja, die bestätigen mir das, was ich mir so auch gedacht habe. Mein HNO-Arzt vor Ort hatte mir schon vor der letzten HG-Neuversorgung (2015/16) nahegelegt, über CI nachzudenken. Damals war ich mental noch nicht soweit und dachte mir, es geht schon so. War auch wirklich so, weitgehend komme ich gut durch den Alltag.

Ich bin 47, selbständig, 60 % Schreibtisch und 40 % bei Kunden vor Ort, meist aber nur 1..2 Personen. Derzeit trage ich Phonak HG und komme mit den Zubehörteilen (ComPilot Air, Mini-Mic und dem DECT Telefon) sehr gut klar, telefonieren funktioniert bei mir wirklich noch einwandfrei. Das verwundert mich etwas, weil ja doch viele gerade am Telefon große Probleme haben. Ich kann sogar bei halbwegs ruhiger Umgebung nur mit HG ganz klassisch "Telefon ans Ohr" problemlos kommunizieren.

Bei Veranstaltungen, gerade jetzt mit größeren Abständen, habe ich allerdings extreme Probleme, überhaupt etwas zu verstehen. Wenn noch Raum-Hall dazu kommt, ist es komplett aus. Mein "Auslöser" für die jetzt ernsthafte Beschäftigung mit CI war, dass ich vor einigen Monaten eine Netzhautablösung hatte und auf einem Auge praktisch innerhalb weniger Stunden blind war. Die OP war sehr erfolgreich, inzwischen ist alles wieder i.O., aber während der endlos langen Stunden im KH und danach während der Genesung mit damals noch sehr ungewissem Ausgang dachte ich mir so: Ich könnte nicht mal mit Gebärdensprache weiterkommen, wenn meine Ohren noch schlechter werden als sie eh schon sind und mal was mit den Augen ist ... das war der Punkt, an dem ich mir gesagt habe: Ich muss was tun (lassen).

Zum "perfekten Zeitpunkt", das meine ich auf zweierlei Weise. Natürlich ist das eine ganz persönliche und individuelle Entscheidung, aber für mich war der Auslöser (siehe oben) wichtig, um für mich zu sagen: Jetzt. Zum anderen ist es wirklich so, dass ich (noch!) relativ gut in direkten Gesprächen verstehen kann. Das soll, wenn ich den Erzählungen meiner persönlich bekannten CI-Träger folge, beim "neu hören lernen" sehr hilfreich sein. Später kann das ganz anders aussehen, hier schrieb jemand vom Kommunikationsloch - genau das will ich mir selbst ersparen.

Ich werde voraussichtlich mit einem CI anfangen (links) und dann entscheiden, wie schnell ich rechts "nachlege". Von meinem jetzigen Gefühl her werde ich damit wohl nicht so lange warten - aber irgendwie will ich erstmal "wissen, wie es so ist" mit CI.

Von den Lippen absehen kann ich übrigens trotz meiner zig Jahre "Karriere" eigentlich überhaupt nicht. Habt Ihr das irgendwann mal bewusst gelernt oder kam das von allein? Meine Mutter, inzwischen 80 und ebenfalls schon als Kind schwerhörig gewesen, konnte das schon "immer". Hat mich als Kind fasziniert, dass sie damals ohne Hörgeräte (wir sprechen von den 1970ern in der ehem. DDR) praktisch nichts verstanden hat aber irgendwelchen Leuten auf Distanz von den Lippen ablesen konnte, worüber die sich unterhielten (Wartezimmer beim Arzt, im Bus usw.).

Grüße
Atson
M, 47, taub "mit Hörresten" im Tieftonbereich, 1. CI-OP geplant 12/2020 ...
serik
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Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#10

Beitrag von serik »

Hallo Atson!
#9 hat geschrieben:Von den Lippen absehen kann ich übrigens trotz meiner zig Jahre "Karriere" eigentlich überhaupt nicht. Habt Ihr das irgendwann mal bewusst gelernt oder kam das von allein? Meine Mutter, inzwischen 80 und ebenfalls schon als Kind schwerhörig gewesen, konnte das schon "immer". Hat mich als Kind fasziniert, dass sie damals ohne Hörgeräte (wir sprechen von den 1970ern in der ehem. DDR) praktisch nichts verstanden hat aber irgendwelchen Leuten auf Distanz von den Lippen ablesen konnte, worüber die sich unterhielten (Wartezimmer beim Arzt, im Bus usw.).
Wie bei Deiner Mutter wäre meine Geschichte so in etwa, was von den Lippen absehen betrifft. Ich habe das von klein auf zuerst instinktiv gelernt, also alle Wahrnehmungssinne eingesetzt, um "die" Umgebung erfassen zu können - je nach Situation, wurden mal die einen mal die anderen Sinne unterschiedlich strapaziert. Zum Beispiel:
- Je dunkler war es um mich, desto weniger halfen mir die Augen, aber gleichzeitig um so mehr musste ich mein schwächeres Gehör anstrengen (also mich noch mehr konzentrieren, um das Gehörte besser zu analysieren). Irgendwann war mir bewusst, dass "Dunkelheit" ein Störfaktor ist.
- Oder wenn es auch hell genug war, aber windig und gleichzeitig kein Gesichtskontakt, konnte ich je nachdem mich aufs Absehen verlassen oder mich wieder auf schwaches Gehör konzentrieren (bei mehreren Sprechenden war noch komplizierter, sodass ich beides abwechselnd oder kombinierend anwendete). Irgendwann war mir bewusst, dass auch "Helligkeit" nicht immer ausreicht, um von den Lippen absehen zu "können".

Das sind nur ein paar Situationen (zwar "oberflächlich" beschrieben), aber diese sollen Dir ungefähr nachzuvollziehen geben, wie in etwa das-von-den-Lippen-Absehen zum Teil "von allein kam" (also zu erst nur instinktiv) und zum Teil "bewusst gelernt" wurde (also "später" auch zusätzlich absichtlich).

Je nach momentaner Verfassung und "der" bisherigen Erfahrungen wird entweder mehr das Instinktive und weniger das Bewusste angewendet oder umgekehrt - aber in jedem Fall immer Beides zusammen, bloß stets unterschiedlich. Je älter - und noch "jung" genug - und erfahrener man wird, desto mehr wird der Anteil des Bewussten zu- und des Instinktiven abnehmen (aber wegen "dem" jeweiligen Gesundheitszustand werden diese trotzdem andauernd schwanken).

Man müsste also nur "die" Zusammenhänge kennen und verstehen, um Deine Frage zu beantworten - und dann wäre auch die Frage nach dem eigentlichen irgendwann "nie" mehr relevant (weil ohnehin subjektiv).

Ansonsten:
Als Buch zum Thema würde ich "Taube Nuss: Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen" empfehlen (nur als Beispiel).

Schöne Grüße,
Sergej
Wie manipuliert man einen Menschen?
Man erzählt ihm nur die halbe Wahrheit.
Atson
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Wohnort: Sachsen

Re: Jetzt ist es Zeit für ein CI. Oder? (> 10 Jahre später)

#11

Beitrag von Atson »

Hallo Sergej,

vielen Dank für Deine sehr interessante Antwort. Es kann schon sein, dass ich "instinktiv" auch (mit) auf die Lippen achte und dabei dann ein verbessertes Verstehen realisieren kann. Allerdings könnte ich definitiv nicht bewusst "ablesen", also z.B. Hörgeräte raus und dann "versuchen zu verstehen" was mir jemand sagt ... funktioniert nicht. Habe ich extra jetzt mal ausprobiert. Weder bei normalem Sprechen noch bei "betonter" Aussprache meiner Testperson.

Danke auch für die Buchempfehlung, da werde ich wohl gelegentlich mal reinschauen.

Ich hatte heute meinen 2. Voruntersuchungstermin und wenn alles klappt, werde ich im Dezember auf der linken Seite mein Implantat erhalten (Medel).

Grüße
Atson
M, 47, taub "mit Hörresten" im Tieftonbereich, 1. CI-OP geplant 12/2020 ...
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