Callcenterjob mit Hörgerät noch ratsam ?

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Werniman
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Callcenterjob mit Hörgerät noch ratsam ?

#1

Beitrag von Werniman »

Hallo,
ich habe in den frühen 90ern einen Handwerksberuf gelernt, in dem ich sehr lange Zeit mit schweren Bohrhämmern hantiert habe. Die Folge war, dass ich seit damals eine (wenn auch sehr langsam voranschreitende) Verschlechterung meines Hörvermögens feststellte. Das empfand ich aber nicht so schlecht,als dass ich da einen Korrekturbedarf sah.

Diese Einstellung änderte sich, als ich 2016 einen Job in einem Callcenter annahm, wo ich die Anrufer trotz Headset und auf Maximum gestellter Lautstärke nur noch erahnen konnte. Das gab den Ausschlag, zum HNO-Arzt zwecks Hörtest zu gehen. Leider hab ich die beiden Audiogramme nicht auf dem Rechner gespeichert, daher kann ich sie nur beschreiben. Die Linie war bei ca 60db fast waagerecht und brach dann bei 2Khz fast senkrecht nach unten ein....mit der Referenzlinie hatte sie keine wirkliche Ähnlichkeit mehr. Vom Hörgeräteakkustiker hab ich mir dann 2 Hörgeräte verpassen lassen (Bernafon Nano Rite). Das war im März 2017.

Während die Verbesserung im Privatleben sofort spürbar war, wurden die Probleme im Job mit Hörgeräten sogar größer. Denn statt den Anrufern, hörte ich nun meine Kollegen umso lauter sprechen, während von den Anrufern im Headset weiter nichts zu hören war. Das gibt natürlich nur Probleme, wenn man bei jeder Kleinigkeit trotz Hörgerät 3x nachfragen musste.

Anfang 2018 habe ich den Job im Callcenter aufgegeben und mir einen ruhigeren Job gesucht, wo auch das Telefonieren besser klappte. Das aber auch nur, weil das Hi-Tech-Telefon in meinem Büro dort eine Möglichkeit bot, am Klang des Audiowiedergabe herumzuschschrauben.
Da der Job aber nur befristet war, bin ich aktuell wieder auf Jobsuche und bekomme aufgrund meiner beruflichen Vergangenheit lauter Angebote von Callcentern. Ihr könnt vielleicht verstehen, dass sich mein Bedürfnis, in diese Branche zurückzukehren, sehr in Grenzen hält.

Haltet ihr einen Job in einer lauten Umgebung (wie einem Callcenter) für einen Hörgeräteträger überhaupt für sinnvoll ? Denn wie ich ja feststellen musste, ändern die Hörgeräte am eigentlichen Problem nichts. Wie kann ich meinen "Freunden" in der Agentur für Arbeit begreiflich machen, dass ich mich schon bedingt durch die Schwerhörigkeit nicht mehr als geeignet für die Branche erachte ?
Dani!
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Re: Callcenterjob mit Hörgerät noch ratsam ?

#2

Beitrag von Dani! »

Willkommen Marco!
Puh, 60dB durchgehend und dann steil abfallend ist schon übel. Wundert mich, dass du nicht schon viel früher auf den HG-Zug aufgesprungen bist. Bei dem Hörverlust wundert es mich nicht, dass du auch mit HGs mehrmals nachfragen musst.

Zum Callcenter:
Ich arbeite nicht in einem solchen. Dennoch muss auch ich hin und wieder telefonieren. Wenn dann bestimmte Kollegen anfangen, sich miteinander zu unterhalten während ich telefoniere, dann wird es auch für mich als langjähriger HG-Träger schwierig. Genau wie du beschrieben hast hört man dann überwiegend die Geräusche im eigenen Raum statt das Telefongespräch.
Daher habe ich seit 2018 Hörgeräte, die ich (mittels Zusatzgerät) mit dem Telefon per Bluetooth koppeln kann. Das ist ein Unterschied von Tag und Nacht, das allein schon ohne Nebengeräusche. Mit unerwünschten Nebengeräuschen habe ich zusätzlich noch die Möglichkeit, die Mikrofone meiner HGs um bis zu 27dB zu dämpfen. Der Schalldruck ist dann nur noch etwa 1/20, der Lärm damit nur noch etwa 1/6 gegenüber normal.

Ob deine Bernafon-Geräte Bluetooth-fähig sind, weiß ich allerdings nicht. Wenn nicht und deine Geräte wenigstens über eine T-Spule verfügen. Dann ist damit auch noch was zu holen, sofern die Telefone über einen 3,5mm Klinken-Stecker für z.B. externe Kopfhörer verfügen (was im Callcenter ja der Fall sein sollte).
Dominik
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svenyeng
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Re: Callcenterjob mit Hörgerät noch ratsam ?

#3

Beitrag von svenyeng »

Hallo!

Also Job im Callcenter geht meiner Ansicht nach.

Es gibt technische Möglichkeiten, das Telefon an die HG's anzubinden.

Ich würde an Deiner Stelle einen Antrag auf Schwerbehinderung stellen.
Das hat den Vorteil, das das Integrationsamt dann entsprechende Technik finanziert. Es gibt auch Möglichkeiten, in ein Großraumbüro einen Glaskasten zu setzen wo Du dann reinkommst und dann Ruhe hast zum telefonieren.
Auch das finanziert das Integrationsamt bei Schwerbehinderung.
Eine andere Möglichkeit sind einfach nur Glaswände.
Da muss man eben schauen was nötig ist. Es kommt dann eh ein Mitarbeiter vom Integrationsamt und berät entsprechend.

Hast Du das Headset mit oder ohne HG's genutzt?
Ich komme mit Headset (Stereo) recht gut zurecht, habe dabei aber die HG's immer in den Ohren.
Was nicht vernünftig funktionierte mit Headset war Softphone.
Ich habe auf der Arbeit ein gutes Sennheiser Headset womit man beidseitig hört.
Dieses per USB an den PC und dann mit Telefonieclient der Telefonanlage telefoniere = Softphone
Es war nicht laut genug. Am PC hatte ich die Lautstärke auf 100%, am Headset genauso.
Hatte aber keinen Zweck, die Lautstärke reichte nicht aus.
Mit Sennheiser hatte ich dazu guten Kontakt. Die haben einen superguten und exzellente Support und kümmern sich sehr. Aber es war nix zu machen.

Mir blieb nichts anderes übrig, als das Headset ans IP Telefon anzuschließen.
Das geht bei den Sennheiser Headsets. Die sind da flexibel.
Und siehe da, richtig ordentlich Power auf dem Headset und das weit unter 100%.
Man hat dann eben die Einschränkung das man zum Gespräch annehmen am Telefon eine Taste drücken muss und eben nicht am PC abnehmen kann.
Was aber geht, ist wählen etc. vom PC aus. Das Telefon wird dann angesteuert.

Ich muss natürlich sagen, das ich als IT-ler den Vorteil haben vollen Zugriff auf die Telefonanlage zu haben und somit eben auch viel ausprobieren konnte.

Gruß
sven
Werniman
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Re: Callcenterjob mit Hörgerät noch ratsam ?

#4

Beitrag von Werniman »

Danke für eure Antworten.
Ins Callcenter möchte ich -nicht nur wegen des Gehörs- möglichst überhaupt nicht zurück. Insofern werde ich zumindest hinsichtlich dieser Branche keine Anstrengungen unternehmen, das Arbeiten dort irgendwie erträglicher zu machen. Das ist eine Branche, die der Gesundheit -weder körperlich noch seelisch- sonderlich zuträglich ist.
svenyeng hat geschrieben:Hallo!
Hast Du das Headset mit oder ohne HG's genutzt?
Sowohl, als auch. Allerdings in beiden Fällen mit Problemen. Ohne Hörgeräte, hab ich die Anrufer kaum gehört. Mit Hörgerät und Ohrmuschel auf dem Ohr änderte sich daran nicht viel, da das Mikrofon des "Hinter dem Ohr"-HG ja außerhalb der Ohrmuschel lag. Natürlich habe ich probiert, ob ich einfach das Headset quasi direkt auf´s Hörgerät setzen kann, doch hab ich das ganz schnell wieder sein gelassen. Denn das Headset drückte das Ohr sehr aufs Hörgerät, was mächtig unangenehm war. Keine wirkliche Alternative also.

Später wurde die Telefonanlage von Avaya (das war zwar auch Internettelefonie, aber noch mit richtigen Telefonen) auf Voxtron umgestellt (da hatten wir nur noch einen Softwareclient), womit auch ein Wechsel der Headsets einherging. Die waren noch bescheidener als die alten Avaya-Headsets, weil sowohl bei der Audioaufnahme, als auch bei der Wiedergabe sehr leise. Selbst bei 100%. Nicht nur, dass ich damit noch weniger hörte, sondern die Kollegen sprachen dadurch automatisch lauter, was die Verständigung noch schwieriger machte.
Ich muss natürlich sagen, das ich als IT-ler den Vorteil haben vollen Zugriff auf die Telefonanlage zu haben und somit eben auch viel ausprobieren konnte.
Ah..ein Kollege :-). Die erwähnte Änderung des Klangs des Telefons im zwischenzeitlich ausgeübten Job konnte ich auch nur vornehmen, weil ich als Admin der Firma das Passwort für die Weboberfläche meines Bürotelefones kannte. Hab ewig rumprobiert, bis ich den Klang so ändern konnte, dass er halbwegs "Hörgerätekompatibel" war.
Zuletzt geändert von Werniman am 16. Jul 2019, 11:41, insgesamt 3-mal geändert.
Dani!
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Re: Callcenterjob mit Hörgerät noch ratsam ?

#5

Beitrag von Dani! »

Werniman hat geschrieben:Ins Callcenter möchte ich -nicht nur wegen des Gehörs- möglichst überhaupt nicht zurück.
Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich kann mir nicht mal vorstellen, wieso da überhaupt jemand freiwillig hingehen wollen würde.
Ich verstehe auch, dass du eine Argumentationshilfe suchst, dass du von dort keine Pflichtangebote bekommst. Nur kann ich dir damit leider nicht dienen. Obwohl ich sagen muss, dass ich auch das Arbeitsamt nicht verstehe. Denn beim Callcenter kommt es ja -wie der Name schon andeutet- gerade darauf an, dass man gut versteht. Bei einem hochgradigen Hörverlust wie du ihn hast ist das einfach ein No-go. Vielleicht hat ja noch jemand anders hier eine Idee, wie du an ein Attest kommst, dass dieser Job nix für Hörgeschädigte ist. Vielleicht kann ein HNO-Arzt sowas schreiben? Am besten mit Tonaudiogramm, das auch die "Sprachbanane" enthält. Darin sieht man, dass du nix hörst und ein HG das nicht ausreichend ausgleichen kann.
Dominik
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Randolf
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Re: Callcenterjob mit Hörgerät noch ratsam ?

#6

Beitrag von Randolf »

Hallo,

dann möchte ich mal hoffen, dass die Probleme nach Antrag und Ausstellung eines Schwerbehinderten - Ausweises im gegenseitigen Einvernehmen behoben werden können.

LG Randolf
Werniman
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Re: Callcenterjob mit Hörgerät noch ratsam ?

#7

Beitrag von Werniman »

Hallo,
mal ein kleines Update zu meinem Fall, so es die Mitleser interessiert. Beruflich konnte ich bisher verhindern, wieder in einem Callcenterjob zu landen, auch wenn ich als Aufstocker/coronabedingter Kurzarbeiter öfters mal entsprechende Angebote vom Jobcenter bekomme. Bislang hat allerdings der bloße Hinweis auf die Schwerhörigkeit immer gereicht, um die "Bimmelbuden" abzuschrecken. Soweit, so gut.
Da ich normalerweise ein ziemlicher Einzelgänger bin, meide ich Menschenansammlungen und bin ein klassischer Stubenhocker,d.h. beim im ursprünglich erwähnten Callcenterjob war das letzte Mal, dass ich die Hörgeräte tatsächlich permanent in Anwesenheit vieler Leute getragen habe. Natürlich trage ich sie daheim auch, aber da ist das benutzte Frequenzspektrum meist auf den Fernseher oder das Radio begrenzt, während sehr hohe oder tiefe Töne kaum vorkommen. Nun liege ich aktuell in einer Klinik (wegen Depressionen...auch eine Folge des Callcenterjobs) und hier habe ich natürlich viel mehr Kontakt mit verschiedenen Menschen, die in allen Tonlagen sprechen. Sprich: Frauen mit sehr hohen Stimmen, Männer mit sehr tiefen Stimmen, ich bin viel in der Natur unterwegs usw.. Sprich: Das Gehör wird jetzt mal so richtig gefordert. In gewisser Weise kann ich also sagen, dass mir jetzt eigentlich erst so richtig merke, welche Vor- und Nachteile die Hörgeräte für mich haben, was ich mit Hörgeräten besser höre und was ohne Hörgeräte besser geht als mit. Während hohe Stimmen (z.B. die von Frauen) mit HG natürlich besser zu verstehen sind (logo bei einer Hochtonschwerhörigkeit), ist es bei sehr tiefen Männerstimmen ohne Hörgeräte besser.
Einen GdB hab ich bislang nicht beantragt, weil ich perspektivisch in die USA übersiedeln will und widersprüchliche Aussagen gefunden habe, ob einem da ein GdB beim vorgeschriebenen medizinischen Check auf die Füße fallen können (in den USA bringt mir der GdB sowieso nichts).
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