Düt un dat

Muss nichts mit Hören zu tun haben, kann aber ...
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Dirk27
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Düt un dat

#1

Beitrag von Dirk27 »

Ja, "düt un dat" oder hochdeutsch "dies und das" fange ich mal an, weil mich manchmal einzelne Themen beschäftigen, die nicht unbedingt Tagesereignisse sind.
Mein aktuelles Thema:


ROLLATOR:
Neulich bin ich über einen dieser Rollatoren gestolpert, der in meinem Akustiker-Fachgeschäft mitten im Weg stand. Vom zugehörigen Menschen war nichts zu sehen. Das nehme ich mal als Anlass, meine kritischen Gedanken zu diesem Gefährt aufzuschreiben. Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich habe gar nichts gegen dieses Hilfsmittel und gegen Menschen, die es BRAUCHEN und sinnvoll nutzen.

Aber von Anfang an. Wer weiß nicht, was ein Rollator ist?
Ich erkläre mal kurz: das ist ein Gestell meist aus Metall, z.B. Stahl oder Aluminium, oder inzwischen auch aus Carbon-Faser. Die Rohre des Gestells sind meist im Querschnitt rund, es gibt sie aber neuerdings auch tropfenförmig vorne rund und hinten spitz auslaufend wegen des geringeren Windwiderstands, wie z.B. auch beim Rahmen von Rennrädern. Der Rollator hat i.d.R. 4 Räder, 2 Handgriffe, 2 Bremsen und oft ein Sitzbrett und optional ein Netz für Handtaschen oder Einkäufe. Es gibt ihn als Draußen- und Drinnen-Variante,- letztere hat meist schmalere Vollgummi-Räder.
Oft eilt er dem Nutzer, einem meist älteren Menschen voraus, der sich wiederum krampfhaft an dessen Handgriffen festhält. Einen Motor haben diese Gestelle nicht, dennoch bekommt man als Beobachter oft den Eindruck, dass der Mensch seinem Rollator (auch bergauf!) kaum folgen kann.
Dieser optische Eindruck entsteht m.E. dadurch, dass viele dieser Nutzer vornübergebeugt in sehr großem Abstand hinter ihrem Rollator herlaufen.
Ihr kennt doch die Zielkamera-Perspektive: die nutzt man z.B. beim 100m-Lauf, um von der Seite auf der Ziellinie zu sehen, welcher Läufer zuerst im Ziel ist.
Wären diese 100m-Läufer typische Rollator-Nutzer, dann sähe der Zieleinlauf so aus:
Zuerst kämen die Vorderräder des Rollators, dann die Handgriffe mit den Händen des Nutzers, dann waagerecht beide Arme und unten die Hinterräder des Rollators, danach ein Teil des Hinterkopfes (der Rest des Kopfes verschwindet zwischen den Armen), dann der um 45° vorgebeugte Oberkörper und zuletzt Beine und Po. Natürlich hätte DER 100m-Rollator-Läufer gewonnen, dessen Hände als erstes die Ziellinie überschritten haben.

Aber Scherz und Übertreibung beiseite:
Wie kommt man denn zu so einem Rollator? Ganz einfach: Man kauft sich einen im Internet oder im Baumarkt oder man sagt seinem Hausarzt, man habe Schwindel oder Knieschmerzen merkwürdigerweise immer dann, wenn man draußen herumlaufe. Der zückt dann den Hilfsmittel-Rezeptblock und schon kommt der Rollator per Post von einem Sanitätshaus oder Orthopädie-Fachhandel in Pusemuckel. Da es von Pusemuckel bis zum Wohnort des neuen Rollator-Nutzers meist sehr weit ist, kommt kein Mitarbeiter mit, um das Gestell, dessen Teile meist in China gefertigt wurden, auszuliefern und zu montieren. Aber den Aufbau kriegt der ältere Nutzer oder dessen Enkel schließlich selbst hin und schon steht der nagelneue Rollator im Wohnzimmer. Stolz kann man die ersten Runden um den Wohnzimmertisch (ohne Schwindel und Knieschmerzen) drehen und traut sich auch bald damit nach draußen.
Fehlt da nicht noch was? Jaja, etwas Entscheidendes:
Die richtige Einstellung der Höhe der Handgriffe. Das ist extrem wichtig! Sind sie zu hoch eingestellt (das ist meistens der Fall), laufen die Nutzer eher vorgebeugt und je nach Arm- und Oberkörperlänge 1-2 Meter hinter dem Rollator. Das führt zu einer Schwächung der Rückenmuskeln, zu weiteren Schmerzen im Rücken, Hüftgelenken, usw.
Zuhause ohne Rollator fällt das aufrechte Gehen dann immer schwerer, bis man auch dort einen Rollator braucht.
Sind die Handgriffe zu niedrig eingestellt (eher selten), läuft der Nutzer direkt hinter dem Rollator, stolpert schon fast über die Hinterräder, steht sehr gerade und aufrecht und droht bergauf mit Rollator hintenüber zu fallen. Zudem stützt er sich so stark auf die Handgriffe, dass ihm die überstreckten Handgelenke bald schmerzen und der Daumen bis hin zum Ringfinger kribbelt. Das Kribbeln nennt sich dann Karpaltunnel-Syndrom, das aber operativ gut geheilt werden kann.

Nun wisst ihr ungefähr, was ein Rollator ist: ein gutes Hilfsmittel. Leider gibt es davon viel zu viele. Ich sehe jede Menge Menschen auf meinen Wegen, die ihn nicht brauchen oder als Hindernis oder sogar als Waffe verwenden.
Beispiel "Hindernis" auf dem Wochenmarkt. Zwei Damen mit Rollatoren stehen am Käsestand mittig nebeneinander, beide Rollatoren rechts und links außen neben ihnen. Man kennt sich und bespricht zunächst 10 Minuten lang die anstehende Fahrt mit Bus an den Gardasee. Mein Blutdruck steigt auf 240/120, während die 3 Verkäufer die Zeit nutzen, um Käsestücke in Folie zu verpacken. Dann möchte eine der Damen den Fol-Epi probieren (obwohl sie den wahrscheinlich jede Woche kauft). Die andere holt 23 Tupperdosen aus ihrem Rollator-Netz und reicht die über den Tresen.
Der 3. Verkäufer kann mich nicht bedienen, weil ich zu weit weg stehe und meine Bestellung nicht über die Damen hinweg brüllen kann.
Beispiel "Waffe" beim Hausarzt. Neulich war ich beim Hausarzt, weil ich Rezepte holen wollte. Hinter mir eine ungeduldige weißhaarige Seniorin mit Rollator. In regelmäßigen Abständen spürte ich einen heftigen Schmerz in meiner linken Achillessehne. Verursacht wurde der durch den Rollator dieser Dame. Ihr müsst wissen, dass die meisten Rollatoren vorne zwischen den Rädern eine Querstange haben, die sich exakt in Achillessehnenhöhe befindet. Perfekt als schmerzhafter Rammbock. Ich drehe mich um: Würden Sie mir nicht ständig in die Hacken fahren!??
Die Seniorin freundlich: "Sind Sie fertig, ich habs eilig!"
Nein! Sie müssen warten. (Ich drehe mich wieder nach vorn um.)
Dieser Schmerz! Wieder die Achillessehne. Ich lasse die liebe Dame schließlich vor und stelle mich hinter sie,- der sicherste Bereich.
Beispiel "Braucht keinen Rollator". Vor mir schlurft ein Senior hinter einem schwarzen Carbon-Rollator mit im Windkanal gestyltem Rahmen langsam zum Fleischereifachgeschäft. Ich überhole ihn in normaler Gehgeschwindigkeit locker und will gerade vor dem Geschäft eine Bedien-Marke ziehen, als ein Arm blitzschnell an mir vorbei hervorschießt und die nächste Marke ergattert. Was soll ich sagen: es war der Arm des Carbon-Seniors, der nun wirklich noch vor mir dran war. Fröhlich ging er aber erstmal 5 Meter zurück und holte seinen Rollator, den er dort hatte stehen lassen. Ich kriege bei Mord bestimmt mildernde Umstände.
29.03.2023 [dB]:
R: 125Hz-25, 250Hz-20, 500Hz-35, 1kHz-35, 2kHz-40, 3kHz-50, 4kHz-70, 8kHz-?
L: 125Hz-15, 250Hz-20, 500Hz-40, 1kHz-40, 2kHz-40, 3kHz-50, 4kHz-70, 8kHz-?
akopti
Beiträge: 1315
Registriert: 17. Aug 2016, 23:06
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Re: Düt un dat

#2

Beitrag von akopti »

Hallo Dirk,
meine Mutter und meine Schwiegermutter haben jeweils einen Rolator gehabt. Auch viele meiner Kunden nutzen dieses sehr praktische Hilfsgerät.

Wenn man beim Arzt, Akustiker, Optiker oder sonstwo ist, dann kann es sein dass die Räumlichkeiten ( z.B Akustikkabine, Sehtestraum, Untersuchungszimmer) so klein sind, dass darin ein abgestellter Rolator störend wäre. Also stellt man, sobald der Nutzer Platz genommen hat, diesen vor die Tür. Normalerweise geht man davon aus, dass dieses Teil so groß ist, das man es nicht übersehen kann.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich meine Kunden immer zu Tür begleite und sie nicht alleine los laufen lasse. ;-)

Ob jetzt jemand einem den Rollator in die Achillessehne oder einen Einkaufwagen in den Rücken rammt kann immer mal vorkommen.

Ach ja, wegen dem Wettrennen. Hier mal eine kleine Annektode von mir.
Wir mussten mal mit meiner Schweigermutter in die Notaufnahme vom Krankenhaus. Sie hatte diffuse Schmerzen und konnte fast nicht aufstehen. Also packten wir sie ins Auto und wir fuhren in die Klinik. Sie schlurfte dann mit ihrem Rolator zum Eingang und wir trotteten langsam hinter ihr her. Sobald wir die Eingangstür erreicht hatten stürmte sie dann los, das wir kaum hinterherkamen. So war es immer, wenn sie in die Nähe eines Arztes kam, dann war sie wieder fit.

Bei vielen Situationen denke ich mir immer, dass kann dir auch mal blühen.

VG
Dirk
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