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Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 20. Sep 2015, 20:45
von Hoffi
Hallo,
mit einem Hörgerät hat man heute einen kleinen Computer im bzw. am Ohr.
Die Programmierung der Hörgeräte ist nach meinen Erfahrungen sehr begrenzt.
Die Verstärkung in den Frequenzbereichen bzw. Kanälen zu verändern (abhängig von drei Stufen der Lautheit der Eingangssignale) hat mit Programmierung relativ wenig zu tun. Die Signalverarbeitung kann in keiner Weise beeinflusst werden.
Man darf also kaum wesentliche Verbesserungen der Grundeinstellung des Herstellers (in Abhängigkeit der Hörkurve) durch Feineinstellung des Akustikers erwarten.
Liege ich mit meinen Erkenntnissen falsch oder schöpft mein Aku nicht alle Möglichkeiten aus?
Dass es Störschallunterdrückung (meistens sehr mangelhaft) und verschiedene Profile (z. B. bei Oticon) gibt, habe ich dabei berücksichtigt.
Gruß
Hoffi
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 20. Sep 2015, 20:54
von Musiker_72
Hallo,
vom Standpunkt eines Programmierers aus hast Du völlig recht, man kann Hörgeräte als Akustiker nur einstellen, nicht programmieren.
Aber Einstellen kann man sehr viel! Durch die Tatsache, dass man sich auch immer erst an die neue Einstellung gewöhnen muss, dauert es eben sehr lange, bis man sich einer guten Einstellung nähert.
Wenn nach sorgfältiger Einstellung kein gutes Ergebnis erzielt wird, wäre m.E. immer eine InSitu-Messung (ggf. mit Perzentilanalyse, wobei ich persönlich immer noch nicht wirklich verstanden habe, was das ist) angeraten, damit kann man feststellen, ob auch tatsächlich das, was am HG eingestellt wurde, beim Kunden ankommt.
Ferner kann ein und das selbe Hörgerät völlig unterschiedlich "klingen", wenn man eine andere Anpassformel verwendet.
Was die Störgeräuschunterdrückung betrifft, so geht es mir so, dass ich sie zwar als "angenehm" empfinde, damit aber schlechter höre, weil immer auch Nutzsignal unterdrückt wird. Ich habe daher die Störgeräuschunterdrückung komplett abgeschaltet.
Ich finde es also kompliziert genug, selbst wenn man keine eigenen Signalverarbeitungsalgorithmen programmieren kann (und obwohl ich das sogar kann, würde ich mir nicht anmaßen, es besser zu können als die Hersteller).
LG
Musiker_72
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 20. Sep 2015, 21:54
von fast-foot
Zur Programmierung:
Die Einstellung bspw. eine Mikroprozessors (in welchem Modus er arbeitet, die Funktion der Ein-/Ausgänge, von welchem Speicherbereich das auszuführende Programm gelesen werden soll etc. etc.) nennt man auch "Programmierung", auch wenn dies zu unterscheiden ist von einer Phase der Softwareentwicklung (so in etwa der Implementierungsphase, also der Realisierung des (Fein-) Entwurfs in Code einer Programmiersprache).
Eine In-Situ-Messung o.ä. sollte meiner Ansicht nach Standard sein, da beträchliche Abweichungen der anzustrebenden zu den tatsächlich vorherrschenden Pegeln bestehen können, was auch für das Gehör unnötigerweise eine erhebliche Zusatzbelastung bedeuten kann.
Eine Perzentilanalyse untersucht ganz einfach ausgedrückt, wie die (genutzte bzw. nutzbare) Eingangsdynamik auf die vorhandene Restdynamik des Gehörs abgebildet wird, wobei bei der Eingangsdynamik (vermutlich) der Eingangs-Dynamikbereich gleichmässig aufgeteilt wird und die Ausgangsdynamik in "von der Lautheitsempfindung her gesehen gleichmässig abgestufte Bereiche" unterteilt wird (so stelle ich mir das jedenfalls vor).
Hoffi hat geschrieben:Die Signalverarbeitung kann in keiner Weise beeinflusst werden.
Ja doch. Bspw. (nur schon) durch die Verstärkung (individuell pro Frequenz), eine Verschiebung von Regelschwellen (Gate, Kniepunkt der Kompression; Arbeitspunkt (oder Einsatzpunkt) des Limiters etc. etc.
Und eine Störgeräuschunterdrückung wird mittels Algorithmen der Signalverarbeitung realisiert. Nur schon, wenn ich eine bestimmte Störgeräuschunterdrückung ein- bzw- ausschalte, wird durch das Umschalten die Signalverarbeitung beeinflusst.
Gruss fast-foot
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 23. Sep 2015, 22:29
von Hoffi
Hallo,
danke für die threads von Musiker 72 und fast-foot.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Einstellmöglichkeiten der HG sehr begrenzt sind und keinen signifikanten Einfluss auf die Hörqualität haben.
Nach Aussage meines Aku sind bei Oticon die Programmier- bzw. Einstellmöglichkeiten besonders gering.
Bei meinen Chili SP 7 ist die Sprache ganz schlecht. Die Stimmen quieken, quietschen oder gurgeln. Auch unter Berücksichtigung, dass ich stark schwerhörig bin und meine Restdynamik gering ist, habe ich die Hoffnung auf Verbesserung nicht aufgegeben.
In-Situ-Messungen haben keine Mängel angezeigt. Das sind ja aber nur Lautheitsmessungen.
Änderungen der Anpassformeln oder Profile bringen nichts. MPO kann nur unwesentlich verändert werden.
Also bleibt nur die Änderung der Verstärkung in den Kanälen/Frequenzen der 3 Stufen der Eingangssignale. Die Kompressionsverhältnisse verändern sich dabei automatisch.
Die Störgeräuschunterdrückung finde ich bei Oticon nicht gut (z. B. Phonak i. a. besser). Dauergeräusche (Motoren, Lüfter u. ä.) werden schlecht reduziert. Diese Schallquellen haben doch eine ganz andere Modulation als Sprache und müssten m. E. besser in Griff zu kriegen sein.
Über weitere threads würde ich mich freuen
Gruß
Hoffi
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 25. Sep 2015, 13:19
von Skunkdude
Hallo Hoffi!
Prinzipiell gebe ich dir recht, die Möglichkeiten der Programmierung und damit die Einflüsse auf die jeweilige Einstellung der Hörsysteme sind von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich. Gerade bei Oticon sind viele Parameter in den Profilen verwurstet und können nicht separat eingestellt werden.
Ein ganz wichtiger Anhaltspunkt um zu erwartende Ergebnisse zu erkennen, ist der Wert des maximalen Sprachverstehens - oder Einsilberdiskrimination. Dieser wird in der Regel über einen Sprachverständlichkeitstest des Akustikers gemessen und kann einen Ausblick geben, welches Sprachverstehen tatsächlich mit einer Hörsystemversorgung zu erreichen ist.
Noch kurz zur PerzentilAnalyse:
Die PA wird mit einem Sprachsignal durchgeführt, welches so nicht zu verstehen ist. Es geht unter anderem darum, zu messen ob dieses Sprachsignal am Trommelfell in Lautstärke und Dynamik in deinem hörbaren Bereich liegt - und das während alle Ausstattungen des Hörsystems aktiviert sind. Ein Novum zu alten INSITU Messungen, da mussten alle Parameter abgeschaltet werden und es wurde nur mit Sinustönen gemessen. Da wir aber keine Wale sind und uns nicht in Tönen unterhalten, ist das neue Testsignal näher an der Realität.
Zu guter Letzt: Gab es schon mal die Beratung zum Thema Digitale Übertragungsanlagen?
Viele Grüße und ein schönes Wochenende!
Skunkdude
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 26. Sep 2015, 10:43
von fast-foot
Skunkduda hat geschrieben:Prinzipiell gebe ich dir recht, die Möglichkeiten der Programmierung und damit die Einflüsse auf die jeweilige Einstellung der Hörsysteme sind von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich. Gerade bei Oticon sind viele Parameter in den Profilen verwurstet und können nicht separat eingestellt werden.
Wenn man, wie hoffi sagt, keinen Einfluss auf die Signalverarbeitung nehmen kann (I), braucht man nur die Zeit für die Hörtests und die Grundeinstellung (und das ist 1. eine Programmierung (es gibt verschiedene Bedeutungen) und 2. wird natürlich "die Signalverarbeitung durch die vorgenommene Einstellung genau definiert", was ja bereits eine Einflussnahme auf die Signalverarbeitung ist).
Wenn durch eine Veränderung der Einstellung die Signalverarbeitung nicht beeinflusst wird, handelt es sich um eine Attrappe oder ein defektes Gerät etc.
hoffi hat geschrieben:Man darf also kaum wesentliche Verbesserungen der Grundeinstellung des Herstellers (in Abhängigkeit der Hörkurve) durch Feineinstellung des Akustikers erwarten.
Wenn (I) geltern würde, könnte man gar keine Veränderung erwarten (eine Aenderung der Parameter beeinflusst nun mal die Signalverarbeitung - alles andere wäre ein Witz; die Schlussfolgerung ist so nicht korrekt. Wenn man diese weg lässt (durch Weglassen des Wortes "also"), ergibt sich eine andere Aussage).
Hier ist grundsätzlich der Prozess der digitalen Signalverarbeitung meiner Ansicht nach gut erklärt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_ ... rarbeitung
Bei der Grafik gleich unter der Ueberschrift "Ueberblick" findet die eigentliche (digitale) Signaltransformation im Kasten statt, welcher angeschrieben ist mit "Digital Signal Processing". Aendert ein Hörgeräteakustiker die Begrenzung in einem Kanal (nur als Beispiel), so findet dort (in jenem Kasten - im DSP) eine Veränderung der Signaltransformation statt. Er nimmt also Einfluss auf die Signalverarbeitung (wenn seine Handlungen bezüglich Einstellungen keinen Einfluss auf die Signalverarbeitung hätten, könnte er sie genau so gut unterlassen (interessanter Gedanke - das würde bei der Anpassung Zeit und Kosten einsparen*).
Gruss fast-foot
*) es gibt natürlich Stimmen, welche sich in die Richtung äussern (im Sinne von "(zu) wenig Einflussnahme unter Aufwendeung von (zu) viel Zeit -> also (zu) teuer")
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 27. Sep 2015, 10:36
von fast-foot
Unter folgendem Link ist einigermassen verständlich erklärt, was eine Perzentilanalyse ist:
http://www.acousticon.eu/uploads/media/ ... 013_01.pdf
Hierzu noch einige Anmerkungen:
Aus s. 13 ist im Diagramm rechts unten die "zu 2. berechnete LTAS-Zielkurve" eigetragen. Tja, offen bleibt aber die entscheidende Frage, WIE diese Kurve berechnet wurde (spontan würde ich sagen, dass man eine Lautheitsskalierung vornehmen müsste und bspw. die Intensität der Lautheitsempfindung, welche der am Ausgang erzeugte Pegel beim Schwerhörigen bewirkt, mit der durch das am Eingang ankommende Signal von einem Normalhörenden empfundenen Intensität übereinstimmen muss).
Ausserdem finden wir auf s. 14 oben folgende Textstelle:
"Hörgeräte arbeiten zeitvariant, d. h. sie analysieren ein Geräusch zunächst und passen anschliessend die Wiedergabeeigenschaften (Richtungshören, Sprachdetektion, etc.) an. Die Regelzeiten erreichen hierbei teilweise Bereiche von mehreren Sekunden. Die Perzentilanalyse ermöglicht es, diese zeitvarianten Parameterveränderungen des Ausgangssignals realistisch darzustellen."
Als Mass für die Qualität einer Einstellung wird dann (etwas vereinfacht ausgedrückt) die Kurve des tatsächlich gemessenen durchschnittlichen Pegels (bzw. dessen Lautheit) am Hörgeräteausgang genommen (respektive die Differenz zum durch die LTAS-Zielkurve definierten Wert). Dieses Mass erachte ich jedoch als nicht ganz geeignet hierfür. Weshalb? Nun, durch die Ermittlung von Durchschnittswerten können sich Fehler, welche sich "in beide Richtungen ergeben", aufheben, was zur Folge hat, dass das Resultat besser scheint, als es in Tat und Wahrheit ist. Ausserdem denke ich, dass darüber hinaus aus diesem Grund systematisch nicht die optimale Einstellung die besten Resulate liefert, sondern eine, welche eben die besten Durchschnittswerte generiert (bewusst, um die Resulate in einem besseren Licht erscheinen zu lassen?). Denn vor Einsetzen der Regelungsmechanismen besteht eine Abeichung vom Ideal in eine bestimmte Richtung - nach Ende des Regelungsvorgangs sollte die gemessene LA-LTAS-Kurve mit der berechneten LTAS-Zielkurve übereinstimmen - das beste Resultat wird jedoch erzielt, wenn diese in die andere Richtung vom Ideal abweicht - also "überkorrigiert" wurde.
Man müsste also zur Beurteilung der Qualität einer Einstellung nicht (Abweichungen von Mittelwerten von) Mittelwerte(n) heran ziehen (welche sich eher aufheben (und fälschlicherweise eine bessere Einstellung suggerieren), wenn das Gerät schlechter eingestellt ist), sondern bspw. die Absolutbeträge der Abweichungen.
Gruss fast-foot
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 27. Sep 2015, 13:12
von JND
Hallo zusammen,
zur Perzentilanalyse:
Ein wesentlicher Vorteil im Vergleich zur herkömmlichen Messung (Mittelwert + Standardfehler) ist,
dass die Perzentile des gemessenen Schalldruckpegels ermittelt werden können. Ausreisser durch die Kompression des Hörgerätes und andere zeitlich veränderliche Signalverarbeitungsalgorithmen werden dadurch besser dargestellt als mit Mittelwert + Standardfehler.
Zusammen mit dem ISTS ist es also endlich möglich, die effektive Kompression im HG zu messen,
und so unabhängig von den Herstellerangaben in der Software zu messen wie die Kompression tatsächlich arbeitet (mittels In-Situ-Messung sogar im Bezug auf dem am Trommelfell anliegenden Schalldruckpegel).
Die Idee, z.B. den RMS-Fehler zwischen 50% Perzentil-wert und (Hersteller)zielkurve pro Frequenzband zu berechnen, halte ich nicht für zielführend, da dies auch schon aus den grafischen Darstellungen müheloser abzulesen ist. Außerdem verliere ich die Info, ob ich weniger oder mehr Verstärkung in dem Frequenzband geben muss, da Beträge verwendet werden. Die grafische Darstellung mit Zielkurve und gemessenen Perzentilen gibt mir dies direkt an (und auch die Verteilung).
Wichtig ist auch noch, dass zusätzlich zur Perzentilanalyse auch noch Sprachtests mit und ohne Störgeräusch gemacht werden. Erst durch die Kombination aller Tests kann der Anpasserfolg gut validiert/dokumentiert werden:)
Zur Programmierung von Hörgeräten:
Ich glaube nicht, dass durch mehr anpassbare Parametern (als in der High-end-Variante) wirklich bessere Hörgeräteversorgungen herauskommen würden. Dazu sind die heutigen Hörgeräte zu komplex. Ja, es wäre schön in ganz speziellen Hörsituationen, noch das eine oder andere Feature etwas mehr ändern zu können, aber das würde die HG-Auswahl nur noch länger andauern lassen. Da gebe ich mich eher mit 95% Performance zufrieden und gucke, ob ich in den restlichen 5% mit Hörtaktik nicht mehr Erfolg habe:)
Schöne Grüße,
JND
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 27. Sep 2015, 13:35
von Skunkdude
Hallo JND!
Guter Post!
Ohne zu technisch oder wissenschaftlich zu werden erfüllt für mich die PA noch einen weiteren, wie ich finde, wichtigen Effekt.
Nach der Messung und kurzer Erläuterung der Ergebnisse, wird für viele meiner Kunden der tatsächliche Bedarf von (Mehr)Verstärkung sichtbar.
Wir kennen das alle: Es zischt, es schallert, klingt alles ungewohnt für unsere Kunden.
Wenn ich nun das Messergebnis mit einer Sprachbanane (z.vgl. für mitlesende
Abb. 2 - von weiteren Inhalten möchte ich mich distanzieren

) kombiniere, trägt es oft zu einer Sensibilisierung des Kunden für höhere Verstärkung bei. Ähnliche Erfahrungen?
Große Frage: Ist das schon Off-topic und sollte sonst wo behandelt werden? Finde den Austausch gut, dem TE wird es indes nicht helfen.
Grüße!
Skunk
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 27. Sep 2015, 22:22
von Hoffi
Hallo zusammen,
durch Eure threads habe ich einiges über Perzentilanalyse u. ä. erfahren. Mit einigen Begriffen (RMS, ISTS, LTAS) kann ich nichts anfangen, aber das ist nicht entscheidend.
Die eigentliche Frage zur "Hörgeräteprogrammierung (bzw. Einstellung)" ist bisher nicht schlüssig beantwortet.
Ich wiederhole mich, wenn ich feststelle, dass die Einstellung der HG sich im wesentlichen auf Veränderung der Verstärkung in den Kanälen / Frequenzen (Chili SP 7 hat 8 Kanäle) in den 3 Lautheitsstufen der Eingangssignale beschränkt (Kompressionsverhältnis ist damit vorgegeben).
Anpaßformel, Profile (4 bei Chili SP 7- von moderat bis dynamisch), Richtmikro kann man natürlich auch verändern. Dies hat aber nur unwesentlichen Einfluss auf die Sprachqualität (jedenfalls bei mir).
Ich bin mit der Hoffnung an die HG-Einstellung gegangen, dass krächzende, quiekende, quietschende Stimmen (auch Halleffekte) auf ein verträgliches Maß reduziert werden können. Vielleicht habt Ihr eine Idee wie man das in den Griff bekommen könnte .
Beste Grüße
Hoffi
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 28. Sep 2015, 10:26
von fast-foot
Hallo Hoffi
ich beantworte zunächst die noch ausstehende Frage*:
hoffi hat geschrieben:Ich wiederhole mich, wenn ich feststelle, dass die Einstellung der HG sich im wesentlichen auf Veränderung der Verstärkung in den Kanälen / Frequenzen (Chili SP 7 hat 8 Kanäle) in den 3 Lautheitsstufen der Eingangssignale beschränkt...
Einfach gesagt geht es hauptsächlich (natürlich spielen auch Mechanismen wie Rückkoppelungs- und Störgeräuschunterdrückung etc. (und je nachdem Frequenzkompression etc.) eine Rolle) darum, die (Pegel und die) Dynamik in verschiedenen Frequenzbereichen so zu verändern, dass die Sprachverständlichkeit bei gegebenem Hörverlust ein Maximum erreicht (dieses kann ab einem bestimmten Punkt auch nicht durch eine höhere Verstärkung/Begrenzung überschritten werden). Aber bereits diese auf den ersten Blick sehr beschränkt scheinende Einflussnahme auf das Ausgangssignal bietet beinahe unendlich viele Möglichkeiten, von denen so zu sagen zu einem gegebenen Hörverlust die richtige auszuwählen ist, was eine ziemlich komplexe Aufgabe darstellt.
Ersichtlich wird dies hier:
https://www.phonakpro.com/content/dam/p ... ion_DE.pdf
Zur Herleitung der Formel wurde ein dreilagiges Perzeptron (Neuronales Netz) benutzt.
*) alle anderen Fragen wurden meiner Meinung nach beantwortet:
ABBC3_OFFTOPIC
hoffi hat geschrieben:Die Programmierung der Hörgeräte ist nach meinen Erfahrungen sehr begrenzt.
Hier war zunächst eine Klärung des Begriffs "Programmierung" im gegebeben Kontext notwendig:
hoffi hat geschrieben:Die Verstärkung in den Frequenzbereichen bzw. Kanälen zu verändern (abhängig von drei Stufen der Lautheit der Eingangssignale) hat mit Programmierung relativ wenig zu tun.
Diese Frage wurde meiner Meinung nach geklärt.
Auch diese:
hoffi hat geschrieben:Die Signalverarbeitung kann in keiner Weise beeinflusst werden.
Bleibt also folgende Fragestellung:
hoffi hat geschrieben:Man darf also kaum wesentliche Verbesserungen der Grundeinstellung des Herstellers (in Abhängigkeit der Hörkurve) durch Feineinstellung des Akustikers erwarten. Liege ich mit meinen Erkenntnissen falsch oder schöpft mein Aku nicht alle Möglichkeiten aus?
Zunächst hängt dies auch mit der ganz oben beantworteten Frage zusammen. Die beschriebene Anpassformel ist darauf hin optimiert, dass sie für möglichst viele Hörgeschädigte ein möglichst gutes Resultat liefert - und nicht, dass sie für "den Einzelfall" das beste Ergebnis erzielt.
Von daher halte ich es zumindest theoretisch für möglich, dass ein Akustiker durch geschickte Feinanpassung das durch die (auf Grund der audiometrischen Daten vorgenommene) Grundeinstellung erreichte Resultat nochmals optimieren kann.
Gruss fast-foot
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 28. Sep 2015, 13:05
von Skunkdude
Hallo Hoffi!
Hoffi hat geschrieben:
Ich wiederhole mich, wenn ich feststelle, dass die Einstellung der HG sich im wesentlichen auf Veränderung der Verstärkung in den Kanälen / Frequenzen (Chili SP 7 hat 8 Kanäle) in den 3 Lautheitsstufen der Eingangssignale beschränkt (Kompressionsverhältnis ist damit vorgegeben).
Hoffi
Das sehe ich anders.
Persönlich spreche ich nicht von Hörgeräten, sondern von Hörsystemen. Aus dem Begriff kann man ableiten, dass deine Hörsystemversorgung nie nur aus der elektrotechnischen Komponente hinter deinem Ohr besteht. Bei einem Chili hast du wahrscheinlich auch eine
Otoplastik, die wiederum maßgeblichen Einfluss auf den wahrgenommenen Klang des Systems hat. Es sind also immer mehrere Komponenten, die durch eine individuelle Einstellung, das bestmögliche Sprachverstehen in verschiedenen Situationen erreichen sollen.
Man könnte auch aus deiner Antwort herauslesen, dass man als Akustiker ja nichts oder nicht viel machen kann und vieles von den Herstellern übernehmen muss. Das ist nur teilweise richtig. Natürlich können wir uns nur in dem Rahmen bewegen, den die Hersteller uns vorgeben. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage, dass der Prozess der Einstellung des Hörsystems schon viel früher beginnt - nämlich bei dessen Auswahl.
Auch hier eine Behauptung: Jeder Akustiker kennt sein Produktportfolio und weiß, was mit bestimmen Herstellern gut funktionieren kann, wo der Kunde welche Einstell- oder Anbindungsmöglichkeiten brauchen kann, und welcher Hersteller im Einzellfall vielleicht ungeeignet ist.
Den Begriff Hörgeräteeinstellung sehe ich also weiter gefasst: er beinhaltet die richtige Auswahl, anfertigen und bearbeiten der
Otoplastik, Wahl der richtigen Programmstruktur und Parametern.
Zurück zu dir:
Krächzende, quiekende oder quietschende Stimmen können mehrere Ursachen haben. Es kann ein akustisches Problem sein, was bei einer Insitu Messung oder besser Perzentilanalyse sichtbar würde. Es kann aber, und das muss gesagt werden, auch am Hörverlust bzw. der Sprachverarbeitung des Kopfes liegen. Natürlich sollten alle Möglichkeiten die Erstes betreffen unbedingt ausgeschöpft werden - und da sollte mehr drin sein, als Verstärkungs- und Kompressionsänderungen verschiedener Kanäle.
Nicht den Kopf in den Sand stecken!
Bin auf weitere Ideen gespannt.
Grüße!
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 7. Okt 2015, 12:19
von Hoffi
Hallo,
ich danke allen für die bisherigen Beiträge. Morgen werde ich meinen Akustiker bei der nächsten Sitzung kontaktieren.
Zum Beitrag von Skunkdude habe ich zwei Fragen:
1. Auswahl der Otoplastiken: wie erfolgt die "richtige Auswahl und das Anfertigen"? Welchen Einfluss hat dies auf akustische Probleme? Ist z. B. der Verzicht auf Belüftungsbohrung und/oder Vergrößerung des Schallraumes vor dem Ausgang der Otoplastik von Bedeutung?
2. Wie wird ein akustisches Problem (Sprachqualität !) durch Insitu-Messung bzw.Perzentilanalyse "sichtbar" gemacht.
Grüße
Hoffi
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 7. Okt 2015, 13:26
von Skunkdude
Hallo Hoffi!
Zur
Otoplastik:
Die Wahl der
Otoplastik ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Auf deine Fragestellung begrenzt geht es akustisch vor allem um die Länge des Zapfens (der Teil der tatsächlich im Gehörgang steckt und Schallschlauch bzw Zusatzbohrung enthält) und eben der Zusatzbohrung. Maßgebliches Kriterium ist hier der Hörverlust. Veränderung des Restvolumens (von dir Schallraum genannt) und/oder Verzicht der Zusatzbohrung haben großen Einfluss auf die gesamte Akustik des Systems.
Physikalisch betrachtet ist das System am Ohr ein
Helmholtz-Resonator, der eine gewisse Eigenfrequenz hat. Diese kann zb. dafür verantwortlich sein, dass ein Dröhnen der eigenen Stimme wahrgenommen wird.
Dieser Effekt ist nicht nur hörbar, sondern durch eine Insitumessung auch messbar und sichtbar. Aber nicht nur das: Jeder Gehörgang hat auch wieder eine gewisse Eigenresonanz. Die muss auch wieder bei der Einstellung des Hörsystems berücksichtigt werden. Wenn nicht gemessen, wird diese von den Herstellermodulen geschätzt und mit der verwendeten bzw. angegebenen
Otoplastik verrechnet.
Das funktioniert meistens ganz gut, weil diese Resonanzen bei vielen Menschen ähnlich sind (es wird ein Durchschnitt verwendet). Weil sie aber nur ähnlich und nicht gleich sind, ist es denkbar, dass deine vom Durchschnitt abweicht und daher nur ungenügend in der Hörsystemeinstellung berücksichtigt wird. Dadurch KANN in gewissen Bereichen zu viel Verstärkung berechnet werden, was zu krächzenden oder schallernden Stimmen führen kann.
Und nochmal: Kann! Muss nicht. Ab und an steckt der Teufel im Detail - oder im Hörverlust bzw. der Sprachverarbeitung.
Über das Thema kann man Bücher schreiben - in der Kürze ist das hoffentlich ausreichend
Grüße!
Re: Hörgeräteprogrammierung
Verfasst: 7. Okt 2015, 13:40
von fast-foot
Skunkdude hat geschrieben:Dieser Effekt ist nicht nur hörbar, sondern durch eine Insitumessung auch messbar und sichtbar. Aber nicht nur das: Jeder Gehörgang hat auch wieder eine gewisse Eigenresonanz. Die muss auch wieder bei der Einstellung des Hörsystems berücksichtigt werden. Wenn nicht gemessen, wird diese von den Herstellermodulen geschätzt und mit der verwendeten bzw. angegebenen Otoplastik verrechnet.
Das funktioniert meistens ganz gut, weil diese Resonanzen bei vielen Menschen ähnlich sind (es wird ein Durchschnitt verwendet). Weil sie aber nur ähnlich und nicht gleich sind, ist es denkbar, dass deine vom Durchschnitt abweicht und daher nur ungenügend in der Hörsystemeinstellung berücksichtigt wird. Dadurch KANN in gewissen Bereichen zu viel Verstärkung berechnet werden, was zu krächzenden oder schallernden Stimmen führen kann.
Na ja, eine in-Situ-Messung wurde ja bereits durchgeführt:
Hoffi hat geschrieben:In-Situ-Messungen haben keine Mängel angezeigt.
Hoffi hat geschrieben:Ich bin mit der Hoffnung an die HG-Einstellung gegangen, dass krächzende, quiekende, quietschende Stimmen (auch Halleffekte) auf ein verträgliches Mass reduziert werden können.
Die Frage ist, wodurch das Krächzen und Quitschen erzeugt wird. Möglicherweise durch die Hörgeräte selbst (eine Quelle können bpsw. die schlechte Qualität der verwendeten Lautsprecher sein (können erwiesenermassen verzerren), eine andere das elektrische Ausgangssignal des Hörgerätes (vielleicht entstehen bei der Signalverarbeitung unerwünschte Frequenzen).
Möglich ist jedoch auch, dass "das Gehör selbst die unerwünschten Klangeindrücke erzeugt". Diese können bspw. daher rühren, dass sie zwar auch bei Nichttragen von Hörgeräten auftreten, da aber gewisse Frequenzen zu wenig gut gehört werden, fallen auch die in jenen Bereichen auftretenden Verzerrungen nicht auf.
Auch Hall-Effekte könnten bpsw. durch verlangsamte Weitereleitung/Verarbeitung in bestimmten Bereichen der Hörbahn entstehen (was deshalb auffallen kann, weil die Signale gleichzeitig verschiedene Wege nehmen und dabei auftretende Zeitdifferenzen wahrgenommen werden können (je nachdem könnte dies auch erst durch die Versorgung wahr genommen werden (da es zuvor durch andere Frequenzen (welche besser gehört werden) verdeckt wurde).
Natürlich halte ich es für möglich, dass aus ähnlichen Gründen die Hörgeräte einen Hall-Effekt erzeugen (bspw- einfach gesagt auf Grund unterschiedlicher Verarbeitungszeiten für das selbe Geräusch).
Gruss fast-foot