Komplettes Thema anzeigen 23.07.2015, 18:11
otoplastik Abwesend
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Betreff: Re: Nachteilsausgleich auf Gymnasium
Hallo Linika,
bei uns in Niedersachsen kommt eine Lehrerin vom mobilen Dienst der Förderschule Hören in die Regelschule. Sie lernt Kind, Eltern und Lehrer kennen, informiert die Lehrer und setzt mit ihnen den Nachteilausgleich auf, der dann in der Klassenkonferenz verabschiedet wird.
Unsere (neue) Schule ist ein wenig schnarchig darin, uns den Ausgleich zukommen zu lassen, aber sie setzen ihn um und kümmern sich gut. Happy

Dazu gehört z.B.
Das Kind muss alles schriftlich bekommen: Termine müssen an die Tafel, Klassenarbeiten, Unterrichtsausfälle usw.
Bei Hörbeispielen in Fremdsprachen und evtl auch in Deutsch bekommt das Kind auch bei Arbeiten den Text auch zum mitlesen.
Es bekommt in vielen Arbeiten mehr Zeit, wenn es das braucht.

Ganz wichtig ist aber auch, dass die Lehrer ein Verständnis für die Hörschädigung und ihre Konsequenzen entwickeln.
Kaum jemand versteht, dass ein Kind manchmal alles mitbekommt und manchmal eben nicht, weil dann die Störgeräusche zu laut sind, die Konzentration nachlässt oder was auch immer.
Dass das Verstehen eine hohe intellektuelle Leistung bedeutet, die anstrengt und länger dauert, das ist auch ein ganz wichtiger Punkt, den Lehrer verstanden haben sollten.
Sie müssen verstehen, dass diese Schüler Hörpausen brauchen.
Denn die Anstrengung im Alltag steigt unserer Erfahrung nach mit dem Alter, den lauteren Klassen und der Kommunikation der Kinder untereinander, die immer wichtiger wird, wenn es in Richtung Pubertät geht.
Und das ist ein weiterer sehr wichtiger Punkt: Die Schüler müssen in das Thema eingeweiht werden. Sie brauchen gute Informationen und evtl auch praktische Beispiele. Unser mobiler Dienst hat z.B. mal ein HG mitgebracht, das alle abhören konnten. Sie bemerkten dann, wie laut Papierrrascheln ist. Und sie haben die Kinder mit Lärmschoneern auf den Ohren eine Stunde Unterricht machen lassen. Auch das war sehr eindrucksvoll.
Ich kenne gerade die traurige Geschichte eines mittelgradig schwehörigen Kindes, bei dem die Lehrer denken, mit der Technik ist dann ja alles wieder gut.
Wenn das Kind nicht mitbekommt, dass der Unterricht in einer anderen Klasse ist, dann bekommt es vorgeworfen, es hätte nicht gut aufgepasst. Weil es den Unterhaltungen der anderen nicht gut folgen kann, zieht es sich zurück, was ja nicht unüblich für Schwerhörige ist. Die Lehrer bewerten das als ganz schlechtes Sozialverhalten und halten das dem Kind vor.
Mein Sohn selber war in einer Klasse (alte Schule), in der die Lehrer auch nicht im Ganzen Ausmaß das Problem verstanden haben. Sie konnten seine Eigenart, weniger zu hören, nicht vermitteln. Das hatte zur Folge, dass die Schüler sauer waren, wenn er nicht gantwortet hat und dass sie neidisch auf den Nachteilsausgleich waren und ihn für übervorteilt dadurch hielten.
Außerdem haben die Lehrer auch nicht verstanden, wie wichtig eine ruhige Lernumgebung für diese Kinder ist.
Für alle Kinder!
Meines Erachtens soltest Du Dir professionelle Unterstützung suchen, wenn es so etwas bei Euch gibt.
Zumal man als Eltern auch immer wieder auf Lehrer stößt, die es nicht gut haben können, wenn Eltern "ihnen Vorschriften machen". Da klappt die Ansprache durch eine andere, auf diese Eigenart spezialisierte Lehrerin/Lehrer oft besser.
In welchem Bundesland lebst du und gibt es so etwas wie einen mobilen Dienst, der die Lehrer der Kinder in Regelschulen unterstützt und berät?
Puh, was für ein langer Text, ich hoffe, die Rechtschreibfehler halten sich in Grenzen, ich muss los.
Liebe Grüße, otoplastik
otoplastik
Sohn, 17 Jahre, mit 14 Monaten Meningitis, seitdem re. hochgradig und links taub,
rechts HG (Naida S IX UP), links CI seit 01/14 (Naida Q70), vorher links viele Jahre PhonakCros Smiling