Komplettes Thema anzeigen 24.07.2015, 14:17
fast-foot Abwesend
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Betreff: Re: Nachteilsausgleich auf Gymnasium
Hallo Linika,

na ja, ich gehe jetzt ein mal davon aus, dass Du bei der Klassenkonferenz mit dabei sein wirst (und gegebenfalls Eltern von anderen Kindern, welche einen Nachteilsausgleich wünschen; somit könntest Du Dich natürlich einbringen). Deren Einberufung ist jedoch meiner Meinung nach für die Prüfung der betreffenden Frage nicht erforderlich.

Aber auch unabhängig davon gilt, dass die Betroffenen und deren Eltern sich einbringen können, und dass eine einvernehmliche Lösung gesucht werden soll; letztlich entscheidet jedoch "die Schule" (heisst für mich auf Deutsch: die Betroffenen haben nichts zu sagen, wenn es darauf ankommt; man müsste also klagen, wenn man nicht einverstanden ist und auf gewissen Bedingungen beharrt).


Dann noch (nur) ein paar weitere Möglichkeiten eines Nachteilsaugleichs, welche bisher nicht Erwähnung fanden (so weit ich nichts übersehen habe):

- spezielle raumakustische Ausstattung (Arbeitsplatzausstattung)

- verstärkte Visualisierung der Unterrichtsinhalte (Tafel, Tageslichtprojektor, Whiteboard, Activboard, Bilder, Modelle, Piktogramme, etc.)

- Verständnisfragen zur Kontrolle für die Lehrkraft

- Erklärung von Schlüsselbegriffen (Wortschatzerweiterung, zusätzliche Informationen)

- punktueller Einsatz des Lehrer- und Schülerechos

- gezielte Regelerarbeitung (in Fremdsprachen und auch auf Deutsch), auch mit gesonderten Hilfsmitteln



Zitat von otoplastik:
Ganz wichtig ist aber auch, dass die Lehrer ein Verständnis für die Hörschädigung und ihre Konsequenzen entwickeln.
Kaum jemand versteht, dass ein Kind manchmal alles mitbekommt und manchmal eben nicht, weil dann die Störgeräusche zu laut sind, die Konzentration nachlässt oder was auch immer.
Dass das Verstehen eine hohe intellektuelle Leistung bedeutet, die anstrengt und länger dauert, das ist auch ein ganz wichtiger Punkt, den Lehrer verstanden haben sollten.
Sie müssen verstehen, dass diese Schüler Hörpausen brauchen.
Denn die Anstrengung im Alltag steigt unserer Erfahrung nach mit dem Alter, den lauteren Klassen und der Kommunikation der Kinder untereinander, die immer wichtiger wird, wenn es in Richtung Pubertät geht.
Und das ist ein weiterer sehr wichtiger Punkt: Die Schüler müssen in das Thema eingeweiht werden. Sie brauchen gute Informationen und evtl auch praktische Beispiele. Unser mobiler Dienst hat z.B. mal ein HG mitgebracht, das alle abhören konnten. Sie bemerkten dann, wie laut Papierrrascheln ist. Und sie haben die Kinder mit Lärmschoneern auf den Ohren eine Stunde Unterricht machen lassen. Auch das war sehr eindrucksvoll.
Ich kenne gerade die traurige Geschichte eines mittelgradig schwehörigen Kindes, bei dem die Lehrer denken, mit der Technik ist dann ja alles wieder gut.
Wenn das Kind nicht mitbekommt, dass der Unterricht in einer anderen Klasse ist, dann bekommt es vorgeworfen, es hätte nicht gut aufgepasst. Weil es den Unterhaltungen der anderen nicht gut folgen kann, zieht es sich zurück, was ja nicht unüblich für Schwerhörige ist. Die Lehrer bewerten das als ganz schlechtes Sozialverhalten und halten das dem Kind vor.
Mein Sohn selber war in einer Klasse (alte Schule), in der die Lehrer auch nicht im Ganzen Ausmaß das Problem verstanden haben. Sie konnten seine Eigenart, weniger zu hören, nicht vermitteln. Das hatte zur Folge, dass die Schüler sauer waren, wenn er nicht gantwortet hat und dass sie neidisch auf den Nachteilsausgleich waren und ihn für übervorteilt dadurch hielten.
Außerdem haben die Lehrer auch nicht verstanden, wie wichtig eine ruhige Lernumgebung für diese Kinder ist.
Für alle Kinder!

Auch wenn ich persönlich es gut fände, wenn vieles entsprechend umgesetzt würde, scheint es hierfür keine (rechtliche, "organisatorische" etc.) Grundlage zu geben, und das Bewusstsein für die angesprochenen Problematiken (bzw. die Bereitschaft, dieses zu erweitern) scheint ebenfalls kaum vorhanden. Es ist daher meiner Ansicht nach eher Wunschdenken und theoretischer Natur (und scheint in der Praxis nicht ein mal an mancher spezifisch auf den Unterricht von Hörgeschädigten ausgerichteten Schule zu gelten).
Aber das Hinweisen auf die betreffenden Problematiken und den Versuch zu erreichen, dass möglichst viel zu deren Behebung bei getragen wird, kann ich natürlich nur unterstützen.



Gruss fast-foot
Ausgewiesener Spezialist* / Name: Wechselhaft** / Wohnsitz: Dauer-Haft (Strafanstalt Tegel) / *) zwecks Vermeidung weiterer Kollateralschäden des Landes verwiesen / **) Name fest seit Festnahme
Dieser Beitrag wurde 3 mal editiert, das letzte Mal am 24.07.2015, 14:44 von fast-foot.