#21 11.09.2019, 06:08
Han_na Abwesend
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Ui, so viele Antworten und interessante Gedanken! Herzlichen Dank dafür!

Dann möchte ich mal noch ein, zwei Dinge klären:

Damit mein erster Beitrag nicht 8 Meter lang wird, habe ich ihn drastisch gekürzt. Und darunter waren auch Infos, wie dass meine Ohren während der 1,5 Jahre Arbeit-im-Krach fast jeden Monat weiter runter geregelt wurden. Sie wurden neu aufgesetzt, andere Programme getestet und und und. Aber all das half nicht, mein hervorragendes Sprachverstehen baute langsam und schleichend ab, sodass ich es kaum bemerkte. Vom Privatleben her hatte ich zunehmend das Gefühl, dass ich zwischen Arbeit und Akustiker hin und her pendle, was mir auch viel Lebensqualität raubte.

Grundsätzlich rate ich nicht von CIs ab. Für mich sind und waren sie ein Segen. Nur, wenn ich mich heute wieder implantieren ließe, würde ich versuchen, Lärm zu meiden, wie der Teufel das Weihwasser. Bevor ich nämlich diese anderthalb Jahre im massiven Störlärm arbeitete, hatte ich die CIs 5 Jahre lang rund um die Uhr mit Herzenslust getragen.

Von einem Arzt und einem Professor habe ich aus deren Mündern gehört, dass ein CI dem ''Gehör'' nicht schaden kann, weil das Gehör ja schon einen Schaden hat. Für einen HNO bedeutet Lärmschaden nämlich nichts anderes, als die Schädigung am Gehör. Als wären wir Maschinen, nicht Menschen mit Herz und Hirn.

Wer jetzt vor der Entscheidung steht, CI - ja oder nein, dem sei gesagt, ja klar! Aber achte auf die Geräuschkulisse, in der du dich bewegst.

Und noch eine Frage möchte ich beantworten, wenn ich sage, hütet eure Kinder (mit Hörsystemen) vor Lärm, heißt das nicht, dass ihr sie in eine Zelle sperren sollt, sondern dass ihr sie nicht mit ihren Hörsystemen im Spiellärm toben lasst.

Der Text von der Ärztin ist natürlich auch interessant, danke dafür @KatjaR, und ja, ich denke, wenn man sucht, dann findet man so manchen interessanten Artikel im Zusammenhang mit Hören und Lärmsymptomen. Mein Verdacht ist ja, dass die Hörmittel-Hersteller-Lobby solche Berichte nicht unterstützt, denn - wie wir hier im Thread schon gesehen haben, dann würden sich nicht so viele mit Hörsystemen versorgen lassen.

Für mich ist nach meiner unendlich langen Odysee klar geworden, dass die Hersteller von Problemen nichts wissen (wollen), keine Fragen beantworten und nur das Verkaufen, Expandieren und das Geldmachen im Sinn haben.

Man denke dabei an Dieselgate, wie lange die Hersteller den Diesel schöngeredet haben... Nicht anders denken Hörsystemhersteller, wie Oticon, Advanced Bionics, Med El, u.v.m.
Für sie sind Hörsysteme Rettung und nicht Gefahr.

Getestet werden sie aber NIE an Menschen und schon gar nicht in realistischen Alltagssituationen. Auch in den Prospekten steht nie etwas über mögliche Probleme. Alle Hörsysteme werden schöngeredet (gerne auch mit Prominenz), während die Welt immer lauter wird. Sogar Elektroautos bekommen nun einen Krach-Sound, weil so viele Fußgänger die leisen Motoren nicht hören (wenn aber auch alles außenrum so Krach macht)!

Das sollte einem auch zu Denken geben.

Darum habe ich diesen Beitrag hier reingeschrieben, weil nicht jeder im Lärm arbeitet, aber die, welche es doch tun müssen, denen sag ich, passt auf eure Ohren (-> Gesundheit) auf, dann habt ihr lange Freude an den Hörsystemen.
Schwerhörig sein bedeutet, dass du das was du nicht mitbekommst, nicht mitbekommst, aber die Anderen um dich herum.
↑  ↓

#22 14.09.2019, 23:22
pikacht Abwesend
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1  Bewertung/en: 100 Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Hallo Hanna,
ich schließe mich dir voll an!
Habe mit einem CI und einem HG 10 Jahre auf dem Bau gearbeitet!
Seit 1,5 Jahren habe ich das 2. CI.
Ich habe immense Probleme...mehr als vorher... die Einstellungen passen nimmer;-(
Bei Problemen ziehe ich die Sprachprozessoren zum Teil mehr als 4-5 Stunden am Tag aus. So komme ich besser klar. Ich ermüde mit Ci´s sehr schnell, das Sprachverstehen baut im Tagesverlauf stark ab. Ich habe nun mit zwei Ci´s einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente gestellt. Bin gerade mal schlappe 54 Sad
Ich bereue aber auch zu keinem Zeitpunkt die Entscheidung "CI", denn die Hörgeräte hätten mich in die komplette Isolation geworfen.
Gruß Oliacht
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#23 17.09.2019, 09:06
Han_na Abwesend
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Hallo Oliacht,

vielen Dank für deine Infos. Wir sitzen wohl wirklich im selben Boot: auch ich habe die Prozessoren bald öfter aus gehabt, als eingeschaltet. Das Sprachverstehen wurde trotz 18 Akustikerbesuchen nicht mehr wiederhergestellt, sondern hat mich quasi schwerhörig mit CI gemacht. Auch ich habe Rente beantragt, und bin erst 'zarte' 51.

Bei mir ist grade Nachreiche- und Prüfstatus. Ich hoffe nicht, dass ich noch darum kämpfen muss, denn mir hat der Lärmstress im Job (Verkauf) viel Kraft geraubt.

Zur Zeit vermeide ich es, meine CIs zu tragen, wo ich kann. Dadurch bildet sich mein erworbenes Sprachverstehen langsam zurück. Seltsam ist, dass ich meine damalige größte Befürchtung, taub zu sein, heute in vollen Zügen genießen kann. Außerdem ist das die einzige Möglichkeit, meinen Tinnitus im Griff zu behalten.

Wie machst du das heute?

Und PS: auch ich bereue die Entscheidung nicht, CIs gewollt zu haben, aber ich bereue, dass ich so vorbehaltlos in einen 'Lärmjob' gerannt bin. Damals war ich von den Ärzten überzeugt worden, dass das CI dem Gehör nicht schadet. Nun, das ist nur die halbe Wahrheit, wie ich heute weiß, denn es kann unser Gehirn derart angegriffen werden (Adrenaline, Stresshormone), dass die Psyche darunter komplett zusammenbricht. Dem Gehör kann wohl wirklich kaum was passieren, aber wir sind ja nicht nur Fleisch und Blut, sondern auch Psyche und Geist.

Und unsere liebe flotthörende Außenwelt steht dann ratlos um uns herum, und fragt sich, was hat der/die denn nur?? Soll doch froh sein, dass er/sie überhaupt was hört!

Ja, und wie machst du das heute? Wie bist du auf EM Rente gekommen?
Schwerhörig sein bedeutet, dass du das was du nicht mitbekommst, nicht mitbekommst, aber die Anderen um dich herum.
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#24 17.09.2019, 10:44
pikacht Abwesend
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Hallo Hanna,
ich habe dir eine PN geschrieben.
Gruß pikacht
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#25 17.09.2019, 10:48
Rondomat Abwesend
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4  Bewertung/en: 75 Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Lärmstress haben wir alle: CI- und/oder Hörgeräte-Träger und auch Normalhörende. Das Problem für uns ist vor allem die während des Prozesses der Schwerhörigkeit mehr oder wenig stark einsetzende Hörentwöhnung, die uns so zurückwirft.

Man bekommt im Laufe dessen immer weniger mit, und so stellt sich im Hörzentrum, also in dem Bereich des Gehirns, in dem die Hörinformationen ausgewertet werden, eine Entwöhnung von früher bekannten Geräuschen oder Lärmpegeln (z.B. Restaurant, öffentliche Plätze wie Bahnhöfe, in der Natur - also fast überall) statt.

Die Hörschnecke dient ja nicht nur als "Übertrager" der Schallinformation auf den Hörnerv, sondern auch als Verstärker (von leisen Tönen) oder Begrenzer (von lauten Tönen). Darüber hinaus werden vom Hörzentrum auch Rückmeldungen der Auswertung (räumliches Hören, Richtungshören, Trennung von Nutz- und Störschall = Cocktailparty-Effekt usw.) zurück an die äusseren Haarzellen in der Schnecke gesendet (Ton war/ist zu laut oder zu leise: "Also, liebe Schnecke, mach Dich mal hier oder da etwas sensibel, damit ich das ertrage, was ich da gerade höre ...")

Dieser Rückkanal, und damit die ausgleichende Funktion, ist ja durch den Verlust der äusseren Haarzellen entweder stark beeinträchtigt oder gar nicht mehr vorhanden (=taub, also werden die äusseren Haarzellen durch die Elektroden des Implantats ersetzt).

Man kann das selbst ausprobieren: Lasse einen Löffel auf einen Steinboden fallen und schaue dabei zu: Das Klirren ist zwar unangenehm, aber Du bist innerlich darauf vorbereitet. Bis Du das nicht, ist das Klirren umso unangenehmer bis schwerzhaft - all das passiert im Hörzentrum bzw. im Gehirn, und das tut hörmässig halt nicht mehr so wie es soll. Das ist auch für Normalhörende unangenehm, aber für uns ungleich schmerzhafter und damit noch stärker stresserzeugend.

Die Elektroden im Implantat können nicht die ursprüngliche Funktionalität einer gesunden Hörschnecke ersetzen, und hier wird es interessant:

Während den CI-Anpassungen wird ja zunächst festgestellt, in wie weit der leiseste wahrnehmbare Ton, der angenehm wahrnehmbare Ton und der lauteste wahrnehmbare Ton eingestellt werden muss. Und dies für jede einzelne Elektrode. Dabei muss man sich noch wohlfühlen, der laute Ton darf nicht wehtun und beim Leisen sollte man nicht angestrengt hören müssen.

Dazu kommen noch einige Programm-Strategien wie Windunterdrückung, Richtmikrofonie-Einstellungen usw.

Dieses Gesamtpaket bekommt man nach der Anpassung quasi mit auf dem Weg und man muss sich wieder dem Alltag stellen. Da das Hörzentrum nun wieder (zuvor verlorene) Höreindrücke geliefert bekommt, die zum Teil jahrelang brach lagen, hat das Gehirn unheimlich zu arbeiten - der Hörstress beginnt. Und hier ist es schon richtig und wichtig, Hörpausen einzulegen, oder etwas runter mit dem Pegel, wenn es unkommod wird mit dem Hören.

Aber trotzdem muss man durch das Tal der Tränen: Wie sonst soll sich das Gehirn an das Ci-Hören gewöhnen? Man braucht halt mehr oder weniger Geduld, muss dies auch vom Umfeld einfordern, wo ja meist Unverständnis herrscht ("jetzt hast Du so teure Implantate und Du bist immer noch nicht zufrieden ...." ). Es kann ein steiniger Weg sein und man sollte sich selbst und auch von aussen nicht unter Druck setzen lassen. Ich kenne viele Dutzend CI-Träger, niemand ist wie der andere und jeder hat seine eigene Historie.

Ich lasse mir nach einer Anpassung die jeweils letzte Einstellung als Backup auf einen noch freien Programmplatz legen, so kann ich im Bedarfsfall schnell wieder zurück schalten. Aber es muss in den Anpassungen grundsätzlich immer vorwärts gehen, denn das Hörzentrum passt sich mehr oder weniger schnell an die neuen Höreindrücke an und dies muss an den Elektroden natürlich auch immer wieder nachjustiert werden. Dabei ist es hilfreich, dem Audiologen möglichst genau beschreiben zu können, wo es klemmt - aber auch, wo es gut klingt.

Hilfreich ist ein bisschen Basiswissen in der Funktionalität zwischen CI und Hörzentrum, um wenigstens ansatzweise zu verstehen, wo die Grenzen liegen. Das macht es einfacher, Dinge, die nicht so funktionieren, zu akzeptieren und sich innerhalb der vorhandenen Grenzen bestmöglich zu bewegen.

Dazu kommt natürlich auch noch, dass man nicht jeden Tag gleich gut hört - den Schwerhörigen, HG- und CI-Trägern macht das auch noch zu schaffen. Auch hier muss man dann - runterdrehen oder eine Pause machen und abschalten.
Viele Grüsse, Rainer
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Ich habe dauernd Med-el's im Kopf ....
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#26 17.09.2019, 11:47
KatjaR Abwesend
Moderator
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Danke Rainer, genauso ist es!
Man muss selbst lernen ein Managment des neuen Hörens und der Belastbarkeit damit zu entwickeln.
Einfach weitermachen wie zu Zeiten als Hörender geht nicht, da man eben kein voll funktionierendes neues Hörsystem bekommt und daher auch die Ressourcen begrenzter sind.
Es wird viel wieder möglich mit Hörhilfen aber nicht alles.
Dementsprechend muss man schauen was geht und was nicht.
Auch bei Einstellungsprozessen darf man sich nicht einfach passiv verhalten, sondern muss dem Einsteller klar machen wie der Alltag aussieht und evt. für verschiedene Situationen auch verschiedene Programme einstellen lassen. Wenn das im Rahmen von Klinikalltag nicht gut klappt, dann mit einer speziellen CI-Reha.

Dr. Faust hat das mal sehr treffend und prägnant ausgedrückt:
"Wer als Schwerhöriger glaubt, sein Leben wie zuvor weiterführen zu können, zersplittert seine Kräfte und gerät in Überforderung, Erschöpfung, seelische Verwundbarkeit, Verzweiflung und vielleicht sogar "dunkle Gedanken".

Gleiches gilt auch für CI-Versorgung. Für die Verarbeitung einer Ertaubung sollte nicht nur ein CI operiert werden, sondern darüber hinaus auch Wissen über CI und sein Zusammenspiel mit Hörsystem und Gehirn, Kontakt zu gleichfalls Betroffenen (nicht nur über Internet), Auseinandersetzung mit verlorenem (Trauerprozess), realistische Neuausrichtung, evt. auch Umschulung etc. CI ist eine fantastische Sache, richtig genutzt kann sie das Leben wahnsinnig bereichern, aber man darf auch nicht zu viel davon erwarten. Limitationen bleiben.

LG Katja
Langjährige CI-Trägerin (AB) Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.
(Rainer Maria Rilke)
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#27 17.09.2019, 11:57
KatjaR Abwesend
Moderator
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Und nicht nur das "Wiederhören" ist anstrengend und bereitet Probleme, auch das "Nichthören" tut das.
"- Psychovegetative, geistige und psychosoziale Folgen: Schwerhörige leiden verstärkt unter Wetterfühligkeit, insbesondere Kopfdruck, Schlafstörungen, Schwindel, Nervosität, Reizbarkeit, rascher Erschöpfbarkeit, unter Merk- und Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, depressiven Verstimmungen und erhöhter Suizidgefahr (im Durchschnitt rund 10 Mal häufiger als in der Allgemeinbevölkerung?). Zwei Drittel der Schwerhörigen finden sich in ständiger ärztlicher Behandlung, noch mehr nehmen regelmäßig mindestens ein Medikament (zumeist herz- und kreislaufstützende Präparate, Schmerzmittel, durchblutungsfördernde Substanzen, Psychopharmaka u.a.)".
Langjährige CI-Trägerin (AB) Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe.
(Rainer Maria Rilke)
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#28 17.09.2019, 12:17
Rondomat Abwesend
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1  Bewertung/en: 100 Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Stimmt, Katja, bei mir ist das speziell der hohe Blutdruck: sobald ich meine CIs anschalte, dauert es keine 20 Minuten, und der Blutdruck geht ordentlich nach oben. Dann kommt Ramipril ins Spiel, das senkt den Blutdruck über den Tag herab, und abends nach dem Ausschalten geht das ganze wieder rückwärts.

Aber im Vergleich zum Gewinn an Lebensqualität durch die recht gut wiedererlangte Teilhabe am sozialen Leben ist das mehr als akzeptabel für mich.

Man lernt schon, mit der Zeit in sich hineinzuhören ..... aber es dauert schon etwas, bis sich die Antennen dafür ausbilden, man hat ja schon mit dem "Neuen Hören" genug zu tun (-: trotzdem: Dranbleiben, es lohnt sich unterm Strich.
Viele Grüsse, Rainer
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Ich habe dauernd Med-el's im Kopf ....
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#29 19.09.2019, 05:28
Han_na Abwesend
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Hm, also in meinem Anfangsthema ging es ja nicht darum, ob man sein CI trägt oder nicht, was der Akustiker machen kann und was man selbst machen sollte, sondern es ging um die Auswirkungen von Lärm auf unsere psychische und körperliche Gesundheit.

Falls wer meinen Anfangspost nicht ganz durchlesen wollte, ich habe die besten Resultate mit CIs gehabt, die man haben kann, und meine Audiofachleute waren hellauf begeistert. Ich habe zu 95 % gehört, wie normal. Akustiker, mein Hirn und ich haben perfekt miteinander harmoniert. Ich habe Preise gewonnen und wurde von Redaktionen angefragt, weil ich so viel über CIs geschrieben habe.

Und WEIL mein Gehör so 'normal' war, bin ich auch 'normal' damit umgegangen, eben so wie jeder andere auch. Endlich war ich keine Ausnahme mehr! So, und dann bin ich nach 1,5 Jahren heftigstem Kindergeschrei und anderen furchtbaren Lärm in die Knie gegangen (Meine Elektroden fielen aus und knacksten wie bei einem Kurzschluss, und kein EINZIGER Fachmann wollte mir darauf Antworten geben). Aber jeder - auch ich - dachte zunächst, das läge nur an mir, an meiner Persönlichkeit.

Und das 'Nichthören' hat bei mir bisher mehr Gutes bewirkt, als das 'Hören mit CI nach dem Lärmstress'. Nur so habe ich meinen Tinni in den Griff bekommen.

Weiß nicht, ob ich mich da deutlich genug gemacht habe, dass es darum geht, mit Hörsystemen (und ganz speziell mit allen Hörsystemen) sich vor Lärm zu hüten.

Mal davon abgesehen, dass man auch seine Umgebung gleich mit-sensibilisiert, schützt man nicht nur seine Hörorgane und seinen Körper, sondern vor allen Dingen seine Psyche! Man glaubt nicht, wie WICHTIG diese ist, um ein 'normales' Leben zu leben.

Darum geht es mir, dass viele Lärmerkrankungen gar nicht als solche erkannt werden, und als 'Wehwechen' oder als 'eingebildet' diagnostiziert werden - vor allem dann, wenn wir Hörsysteme tragen. Unglaublich, was Ärzte alles für Begründungen finden, um diese dann auf unsere Hörhilfen zu schieben - oder unseren Charakter.

Das Hören ist das Eingangstor zur Psyche, darum sollten wir (Hörsystemträger) uns vor LÄRM schützen, so gut wir können. Ob gewollt oder nicht gewollt, Krach macht viel in uns kaputt, vor allem wenn wir künstlich hören.


PS: ich wollte einige Stellen aus euren Antworten zitieren, aber ich krieg das nicht hin! Da hab ich was zum Multiquoten kopiert, weiß aber nicht wo das sein soll. Daher gehe ich nur allgemein auf Antworten ein.
Schwerhörig sein bedeutet, dass du das was du nicht mitbekommst, nicht mitbekommst, aber die Anderen um dich herum.
Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert, das letzte Mal am 19.09.2019, 05:46 von Han_na. ↑  ↓

#30 19.09.2019, 07:43
Rondomat Abwesend
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Hallo Hanna,

wenn ich das lese, denke ich, muss man zwei Dinge trennen:

1. Den Hörstress, dem wir alle, ob gut- oder schlechthörend, ausgesetzt sind. Das hat mit der Versorgungsart Ci oder HG oder guthörend, erstmal nichts zu tun und ist eine höchst subjektive Empfindung - die man aber sehr ernst nehmen muss, weil das tatsächlich Auswirkungen auf die Psyche und alles, was damit zu tun hat, haben kann.

Sich vor Lärm zu schützen, geht also alle Menschen etwas an. Aber das gelingt nicht immer: Wenn Du in einem Grossraumbüro arbeitest, kannst Du an dem Lärm drumherum wenig ändern - ausser Deinen Job zu wechseln oder auf lärmsenkende Hilfsmittel zu setzen und auf Hilfsmittel zurückzugreifen, die Dir in einer solchen Umgebung das Hören, z. B. das Telefonieren, erleichtern.

2. Dein CI, was jedoch mit dem Hörstress erstmal nichts zu tun hat, sondern einfach dafür sorgt, verlorenes Hören wieder - bei Dir ist das ja offenbar zu 95 % gelungen - zu ersetzen. Sowas erzeugt anfangs sicherlich ebenfalls Stress durch den Input ungewohnter, wieder hörbarer Töne, das erlebe ich ja selbst Tag für Tag. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und so gewöhnt man sich mehr oder weniger - und in mehr oder wenig langer Zeit, auch an anfangs unkommode Geräusche. Wo das nicht der Fall ist, regele ich den Pegel etwas runter, verzichte dabei jedoch nicht auf die Stimulation, denn sonst kommt das Gehirn im Training nicht weiter.

Was ich mir nicht vorstellen kann ist der Ausfall einer oder mehrerer Elektroden durch den Lärm. Das passt für mich nicht zu den weiter oben beschriebenen 95prozentigen offenbar sehr guten Hörerfolgen. In einem solchen Stadium sollte es so weit fortgeschritten sein, dass man schon entsprechende Antennen dafür hat, wann das Hören insbesondere in lauten Umgebungen zu Stress führt und wie damit umzugehen ist - entweder durch weitere Anpassung oder bei Bedarf einfaches Herunterregeln der Lautstärke. Das musst du mir etwas näher erklären.
Viele Grüsse, Rainer
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#31 19.09.2019, 13:45
Han_na Abwesend
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Hallo Rainer,

also zu 1. - ja klar sind wir alle Hörstress ausgesetzt, das steht aber auch nicht zur Debatte. Es geht mir darum, dass man als Hörgeschädigter mit Hörsystemen von diesen Lärmsypmtomen eben schneller und auch stärker betroffen sein kann, als ein Normalhörender, weil der 'natürliche Lärmschutz' nicht mehr vorhanden ist. Durch den Verlust von Gehör, welches ja Folge von Lärmschutz ist, kann ein bereits geschädigtes Gehör sich selbst vor Lärm nicht mehr schützen. Das muss ein Hörsystemträger dann 'händisch' tun, wenn er, bzw. sie dafür sensibilisiert ist.

Viele sind das nämlich nicht, wegen der Hörsystem-Industrie, die in erster Line ebenso auf Profit aus ist, wie sonst andere Industrien auch.

2. meine 95% habe ich eher 'spielerisch' erlangt, nachdem ich täglich für mich alleine hören geübt habe (mit eigenen Methoden). Das war für mich keineswegs stressig, da ich damals noch ohne Arbeit war.
Den Lärmjob hätte ich aber nie angenommen, wäre ich von Grund auf sensibilisiert worden, auf mein (geschädigtes) Gehör zu achten und Lärm zu meiden. Der Stress begann für mich erst nach 3-4 Jahren erfolgsverwöhntem CI-Hören, eben dort auf der Arbeit.

Dass meine Elektroden laut knacksend Aussetzer hatten, habe ich mir ganz sicher nicht eingebildet. Auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst, und zum Glück noch nie selbst erfahren musstest, ist mir das dennoch passiert - einige Wochen lang.

Von meinem Hersteller, oder von Ärzten habe ich darauf nie Antworten erhalten, und auch am PC hat man keine Störungen erkennen können. Dennoch wurde alles neu aufgesetzt, und natürlich auch die Lautstärke gemindert.

Du vermischt hier zwei völlig verschiedene Dinge, einmal meinen Hörerfolg und dann die Ausfälle meiner CIs durch Lärm. Ein Kind kann bis zu 120 db an Lautstärke erreichen, und wenn es nur ein spitzer Schrei ist. Von diesen spitzen Schreien hatte ich mehrmals täglich einige direkt neben mir.

Was also soll es damit zu tun haben, dass ich mit CI so gut hören konnte, und dass die Prozessoren bei sehr lauten Geräuschen laut knacksend ausgefallen sind?

Und nochwas, wenn schon die HNOs und die Audiologen nicht wissen, dass Lärm dem versorgten Ohr noch mehr schaden, wie soll es dann ein HG- oder CI-Träger erfahren?
Daher möchte ich meine Erfahrungen teilen und auch deren Ursache nicht verschweigen, weil das von Herstellern immer gerne unter die Teppiche gekehrt wird. Das sind nämlich auch alles Leute, die nie wirklich Lärm ausgesetzt sind - aber wenn doch, reagieren sie doch sehr empfindlich darauf.

Das ist das, was ich sagen wollte, Lärm ist sozusagen unsichtbares Gift, das über uns alle - da geb ich dir recht - geschüttet wird, als ob es unschädlich wäre. Lärm ist unsichtbar, nicht unschädlich. Aber wer elektronisch hört, der bricht wohl schneller zusammen, als ein Normalhörender. Der wird nämlich erst schwerhörig und evtl. taub. Das ist der Lärmschaden, den HNOs so verkaufen. Als CI oder HG-Versorgter können wir angeblich keinen Lärmschaden mehr kriegen, weil wir ja schon einen haben (Hörschaden). Und das ist grob fahrlässig dummes Geschwätz.
Schwerhörig sein bedeutet, dass du das was du nicht mitbekommst, nicht mitbekommst, aber die Anderen um dich herum.
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#32 19.09.2019, 15:02
Rondomat Abwesend
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Hallo Hanna, ich habe ja nicht behauptet, dass Du Dir das Knacken bzw. die Aussetzer eingebildet hast - ich habe lediglich darum gebeten, mir das näher zu erklären. Das hat mit Vermischen nichts zu tun.

Impulsmässig auftretende akustische Ereignisse - wie die 120dB in Deinem Beispiel - filtert auch ein gesundes Gehör nicht allzuoft aus, je nach Dauer, Intensität und Abstand der Einwirkung bleibt halt irgendwann mal ein (zumeist) bleibender Schaden übrig.

Was das CI betrifft: Ich weiss sehr wohl um die Gefahren, die eine falsche Stimulation oder eine Stimulation mit sich bringt, die man in gewissen Umständen nicht erträgt oder auf einmal nicht mehr erträgt, weil sich irgendetwas im Hörempfinden verändert hat. Das ist ja kein statischer Prozess, sondern ein höchst dynamischer.
10 Monate Auszeit mit meinem linken CI wegen einer Hörnervreizung - ich habe also auch das Tal der Tränen durch, ohne von den Fachleuten eine klare Ursache festgestellt wurde. Also blieb es bisher bei der Diagnose "Hörnerv überreizt". Daher bin ich ebenso wie Du der Meinung: Lärm vermeiden wo es geht. Da sind wir Ci- und/oder HG-Träger natürlich umso mehr angehalten, darauf zu achten, weil uns ja der körpereigene Schutzmechanismus (den man halt auch nicht überstrapazieren sollte, siehe oben) fehlt.

Was uns seitens der HG- und CI-Industrie versprochen bzw. verkauft wird, ist an dieser Stelle kein Thema für mich. Ich bin nun mal jetzt auf meine 2 CIs angewiesen, daher versuche ich, auch im Austausch mit meinen Audiologen und auch mit den Audiologen der Hersteller, das mögichst beste für mich herauszuholen.
Viele Grüsse, Rainer
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#33 19.09.2019, 17:23
Dani! Abwesend
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Zitat von Han_na:
Das ist das, was ich sagen wollte, Lärm ist sozusagen unsichtbares Gift, das über uns alle - da geb ich dir recht - geschüttet wird, als ob es unschädlich wäre. Lärm ist unsichtbar, nicht unschädlich. Aber wer elektronisch hört, der bricht wohl schneller zusammen, als ein Normalhörender. Der wird nämlich erst schwerhörig und evtl. taub. Das ist der Lärmschaden, den HNOs so verkaufen. Als CI oder HG-Versorgter können wir angeblich keinen Lärmschaden mehr kriegen, weil wir ja schon einen haben (Hörschaden). Und das ist grob fahrlässig dummes Geschwätz.

Um das zu untermauern vielleicht ein Beispiel von mir:
Ich bin hochgradig schwerhörig, an Taubheit grenzend. Bei 1kHz höre ich 80dB gerade so. Ich habe wie die meisten Schwerhörigen eine Schallempfindungsstörung. D.h. man hört Töne erst (sehr) spät, die aber dann auch so laut wie ein Normalhörender eben auch. Nur 5dB mehr und ich empfinde das schon als sehr laut - und das sind 85dB ja auch.

Wenn ich die HGs den ganzen Tag trage, werden meine Ohren durchgehend mit Lautstärken über 80dB belastet! Auch ein Normalhörender würde da schier Wahnsinnig werden, wenn er dauernd diesem Lärm ausgesetzt wäre (stell dir z.B. das Rasseln des Kühlschrankkompressors oder eines PC-Lüfters vor, das mit 80dB neben dir den ganzen Tag seine Runden drehen würde...)

Jemand, der überwiegend eine Schallleitungsstörung hat, stört dieser Lärm nicht ganz so stark, da dieser Schalldruck so nicht am Hörnerv ankommt wie beim Schallempfindungsgeschädigten - da geht der laute Lärm voll durch, sofern man ihn wahr nimmt.

Ich habe wenigstens einen Job, bei dem ich meinen Ohren abwechselnd eine Hörpause gönnen kann. Bin ich dagegen im privaten Umfeld unterwegs, vergesse ich das aber hin und wieder. Das wird dann abends mit voller Wucht mit Erschöpfung belohnt. Das geht so weit, dass ich nach dem Aufwachen am nächsten Morgen denke: Ah, endlich Ruhe, weil schon die Träume voll vom Gedröhne sind.

Mist. Je mehr ich hier schreibe und darüber nachdenke, umso mehr fallen mir das ein oder andere Symptom an mir zumindest im Ansatz auf, die Hanna zu Beginn und andernorts schon mal geschrieben hat. Disappointed

Ja - weiter hörgeschädigt kann ich in dem Sinne nicht mehr werden, weil die äußeren Hörsinneszellen nicht mehr dienen können. Aber das Hören hört ja nicht an der Hörschnecke auf.
VG Dominik
R+L: 125Hz/10dB 250Hz/20dB 500Hz/35dB 1k/80dB 2k/90dB >=3k/--
Seit 2018: Phonak Naida B70-SP
↑  ↓

#34 20.09.2019, 08:10
Han_na Abwesend
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Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Hallo Rainer,

gut dass wir das klargestellt haben, dass das Knacksen (Ausfälle) meiner CIs nichts mit meinem (von Audiologen) hart erarbeiteten Hörerfolg zu tun hat.

Sehr gerne würde ich dir diese Ausfälle erklären, wenn ich denn selbst eine bekommen hätte. Man hat mir entweder nicht geantwortet (Emails) oder drumherum erklärt (Stimulationen, Hörkurven, etc.) oder betreten weggeschaut. Nur einer hat mir die Wahrheit gesagt, und das im Vertrauen: dass die Hersteller die Antwort darauf nicht wissen - und nicht wissen wollen! Weil Geld die Welt regiert. Zusammengefasst.

Im Großen und Ganzen kann ich nach ca. 7 Jahren CIs sagen, dass die Audiofachleute weitaus weniger über CIs wissen, als die CI-Träger selbst. Was sie wissen ist, wie man das 'Auto' programmiert und fährt, nicht aber, wenn es Motorstörungen durch zuviel Verkehr und Stau gibt. Meine Anklage gegen die Fachleute war damals, wie heute gewesen, dass sie uns in eine Welt werfen, die selbst für Normalhörende viel zu laut ist, uns aber davor nicht warnen, bzw. keine Schutzmöglichkeiten geben. Ich will da gar nicht an die vielen vielen CI-Kinder denken, die möglichst überall ihre CIs aufbehalten sollen! Wirklich überall?

Darüber habe ich mir monatelang den Kopf zerbrochen und mir ist aufgefallen, dass auf allen möglichen Produkten Warnungen stehen. Nicht für Kinder!, Vorsicht giftig!, kann töten!, ect. Um nur einige zu nennen.
Warum aber bekommen wir CIs, in einer Welt, die durch eben diese hohe Dauerbeschallung allerorts körperliche und geistige Schäden hervorrufen können, keinen einzigen Warnhinweis? In den Prospekten steht nur das Allerheiligste der Technologie, aber nicht, wo es geeignet ist zu Tragen, und wo nicht!

Und wenn es dann doch zu Problemen kommt, werden diese 'Kunden' schlicht ignoriert? Wenn das Niemanden an den Dieselskandal erinnert, dann weiß ich auch nicht. Aber dadurch ist mein Misstrauen in diese Hörsystem-Industrie extrem gewachsen. Auch wenn ich noch Nutzen davon habe, aber die Hörsystem-Industrie zahlt mir leider keine EM-Rente, die ich nun brauche, weil ich keinerlei Lärmwarnungen bekommen hatte.

Dani, dir möchte ich danken für deinen Input. Und ja, genau! Je mehr wir darüber nachdenken, was wir mit unseren Hörsystemen stemmen, desto mehr fallen uns Dinge auf, die eigentlich nur uns passieren. Dadurch, dass wir aber recht gut hören können, durch (fast) unsichtbare Hörsysteme, werden wir auch nicht als 'behindert' wahrgenommen. Und hier ist ein wirklich großes Problem in unserem Selbstverständnis, sowie im Verständnis unserer Mitmenschen.

Behindert sind wir nämlich doch in dem Sinne, dass wir eben auch, wie Blinde und Gelähmte (u.v.m.) Sonderbedingungen brauchen, um mit unserer Behinderung ein einigermaßen gleichberechtigtes Leben zu führen. Ich weiß, dass vielen Hörbehinderten dieser Haken am meisten weh tut. Einerseits wollen wir nicht als 'behindert' gesehen werden, andererseits können wir mit einem Tretroller wohl fahren, aber nicht auf Autobahnen, und schon gar nicht ständig!

Hier liegt meiner Meinung nach die Krux, durch die wir blind in den Lärm rennen, weil die Andern das ja auch können. Dass die Andern dabei ihrem Gehör und ihren Nerven ebenso Schaden zufügen, sehen wir nicht. Dass uns der Schaden noch stärker treffen kann, sehen wir auch nicht. Erst, wenn wir anfangen, darüber nachzudenken, was wir unseren Ohren da eigentlich abverlangen.

Und genau wie du sagst, Dani, hält ein Normalhörender nicht mal einen PC-Lüfter aus, der stundenlang mit 40 db (nur 40!) nebendran durchbrummt. Da wird gestöhnt und geklagt, dass das doch kein Mensch aushalte.

Aber, das ist die große Frage, die kein Fachmann beantworten will, was passiert uns durch unsere Hörsysteme, im oder am Kopf, wenn wir in diesem weitaus lauteren (als 40 db) Alltag leben müssen? Warum gibt es für Gehörlose noch keine Tinnitus-Therapien, warum wird so getan, als sei die Wiederherstellung eines Gehörs das Ende der Fahnenstange?

Genau, Dani, das Hören hört nicht an der Hörschnecke auf.

Im Übrigen bin ich heute gerne taub, was aber dazu geführt hat, dass nach zwei Jahren mein Sprachverstehen massiv abgebaut hat. Dafür mache ich die wundervolle Erfahrung, dass mir im Alltag unheimlich viele Menschen entgegen kommen, wenn ich gleich sage, dass ich taub bin und von den Lippen ablese. So habe ich gelernt, dass die Menschen gar nicht wegrennen vor mir, sondern sich Mühe geben, dass ich ihre Worte verstehe.

Am taub-sein ist wirklich rein gar nichts peinlich. Erkläre das mal einem Hörenden...


PS: wer noch mehr Lärmgeschichten hat, möge doch hier bitte das eine oder andere hinzufügen. Wir haben außer uns keine große fachliche Hilfe da draußen, was die Erfahrungen mit Hörsystemen betrifft. Unsere (oft leidvollen) Erfahrungen bringen ja kein Geld, aber ich finde der Mensch ist es wert, dass er darüber informiert wird, dass Lärm sehr viel zerstört - innen wie außen.
Schwerhörig sein bedeutet, dass du das was du nicht mitbekommst, nicht mitbekommst, aber die Anderen um dich herum.
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#35 20.09.2019, 10:00
tabbycat Abwesend
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1  Bewertung/en: 100 Betreff: Re: An alle CI-TrägerInnen und solche, die es werden wollen oder müssen
Moin,

...ich bin ja sowas wie ein hörtechnischer Hybride Wink mit meiner einseitigen starken Schwerhörigkeit, hoffe aber daß ich hier trotzdem meinen Senf abgeben darf...

Als ich nach zwei Cholestaetom-OPs auf dem rechten Ohr nicht mehr so wirklich gut hören konnte, hat mir keiner der klugen Weißkittel gesagt, daß ich mit dem schlappen Löffel vorsichtig umgehen soll. - Was macht der trotzige, Hardrock-affine Teenager? - Stellt sich beim Headbangen in der Disse direkt neben die Boxen... - hurra, ich kann endlich was hören. Gehörschutz war nur was für Uncoole Surprised - Das alles fast 10 Jahre lang und ungefähr mindestens einmal pro Wochenende.

Weil ich dazugehören/ kein Weichei sein wollte, wenn ich schon diesen "Makel" habe, dachte ich immer, ich muß besonders hart mit mir ins Gericht gehen.

Auch als ich vor 12 Jahren mein erstes HG bekam... - rein ins Leben und in den Lärm, weil jetzt konnte ich ja hören und meine Mitmenschen hatten eine gewisse Erwartungshaltung.
Nach und nach merkte ich dann aber, daß zuviel Lärm - vor allem jegliche Art der "Dauerbeschallung" mir nicht gut tut. Im Job habe ich gottseidank ein Einzelbüro, aber nach dem mittäglichen Ausflug in die Kantine war ich regelmäßig matschbirnig-platt.
Auch Familienfeiern mit vielen Leuten haben mich regelmäßig ausgeknockt - auch wenn ich immer mal wieder vor die Tür bin um ein bißchen Ruhe zu tanken.

Jetzt habe ich ein neues HG "in Arbeit", genieße zum ersten Mal ein richtig gutes Störlärm-Programm - und zack, hab ich plötzlich viel mehr mentale Energie. - Auch wenn ich die erste Woche mit dem neuen Teil Kreise in den Teppich gelaufen bin, weil gefühlt alles zu leise war - dabei war/ ist Tatsache, daß ich sehr wohl alles mitbekomme was ich muß - aber eben nicht mehr als "Pauschaldröhnung", sondern wohldosiert.

Danke übrigens an Dani! für das Beispiel mit den 80 dB und dem Lüfter. Das ist mal was (Be-)Greifbares für verständnislose, normalhörende Mitmenschen, die das Ding mit der Schwerhörigkeit und Geräuschempfindlichkeit absurd finden. Vielleicht begreifen die das durch das für mich passende Beispiel mit 60 dB und dem Rasenmäher Wink
Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt explodiert, wird die Stimme eines Experten sein, der sagt: "Das ist technisch unmöglich."
(Sir Peter Ustinov)
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