#1 22.06.2020, 08:53
Han_na Abwesend
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4  Bewertung/en: 100 Betreff: Unterschiede des Hörens mit CI und HG
Hallo liebe Forenmitglieder,

immer wieder stoße ich auf die Frage, wie der Unterschied eines HGs zum CI ist, und ich glaube, dass ich die relativ gut aus meiner Erfahrung beschreiben kann. Deswegen habe ich mich mal entschieden, einen neuen Thread zu öffnen, in welchem ich mit euch über diese Unterschiede sprechen möchte.

Zu meinen Erfahrungen:

Über 40 Jahre HGs, seit meiner Einschulung
Während der Ertaubung erstes CI einsetzen lassen
Nach 3 Tagen kein Lippenlesen mehr nötig, von hinten ansprechbar!
Nach 4 Monaten Männer- u. Frauenstimmen unterscheiden können
Nach 6 Monaten Stimmen erkennen, Akzente heraushören

Nach 9 Monaten zweites CI
Paar Tage Üben nur mit neuem CI-Ohr
Zum ersten Mal im Leben Richtungshören möglich
Untertitel oder Mundbild nicht mehr nötig, Telefon kein Problem mehr


Wie kann das sein?

Zu meinen langen Erfahrungen mit HGs und den neuen Erfahrungen mit CI kann ich heute sagen, dass CIs ganz anders funktionieren, wie HGs.

Zum einen liegt das an der Anwendung, ein CI wird implantiert, und stimuliert die Hörschnecke direkt, und ein HG wirkt von außen, verstärkt nur die noch gehörten Töne.

Vorstellen kann man sich das vielleicht so, dass das geschädigte Gehör wie ein Klavier ist, dessen Klaviatur (Tasten) nicht mehr vollständig da sind. Stellen wir uns bei einer Hochtonschwerhörigkeit z.B. vor, dass die hinteren Tasten der Klaviatur fehlen, oder kaputt sind.

Das HG macht hier nun folgendes, es verstärkt die Stränge der Tiefton- und Mitteltontasten, sodass diese im Grunde lauter werden. Die fehlenden und kaputten Tasten können nicht ersetzt oder repariert werden.
Ungefähr so wie in der Mathematik, dass mit Null nichts multipliziert werden kann, ohne dass immer Null herauskommt.

Stellen wir uns also ein kleines Lied vor, z.B. "Für Elise", das nicht mehr mit den Hochtönen spielbar ist, und das man das in den hörbaren und verstärkten Tieftonbereich verschiebt. Klingt völlig anders, dumpf und oft viel zu laut. Das HG verstärkt also nur das, was noch hörbar ist. Und ohne hohe Töne klingt "Für Elise" sicher nicht so zart und schön, wie mit den hohen Tönen.

In der Sprache stehen die Konsonanten (21 von 26 Buchstaben!) im Hochtonbereich. Wörter z.b. mit 't', 's', oder 'f' werden dann kaum mehr verständlich, weil diese leisen hohen Töne nicht mehr gehört werden, und auch der verstärkte Tiefton-Bereich diese nicht herausfiltern kann. Das HG kommt an seine Leistungsgrenzen, je größer der nichthörbare Bereich wird. Sprache klingt wie Brei, Hören strengt massiv an.

Das CI macht hier etwas völlig anderes, wie ein HG, wenn wir bei dem Beispiel mit der Klaviatur bleiben: es ersetzt vollständig alle Tasten! Dadurch, dass die Elektrode direkt in die Hörschnecke eingesetzt wird, wird zum größten Teil jeder hörbare Bereich ersetzt. Meistens werden mit dem CI die Bässe schlechter gehört, was daran liegt, dass eine Elektrode nie vollständig in die Cochlea geschoben werden kann, und ganz am Ende der Hörschnecke werden die Bässe gehört.

Nun haben wir aber noch einen massiven Unterschied im Hören mit CI und HG. Wenn das HG ähnlich einer Brille direkt funktioniert, kann dies jederzeit spontan ausgetestet werden, indem man ein HG anprobiert. Mit CI geht das nicht, weil das CI aus mehreren Komponenten besteht, von welchen eines operativ implantiert werden muss. Dieses Implantat ist ohne den äußeren Sprachprozessor nutzlos, welcher wie ein HG am Ohr getragen werden kann. Dann muss der Magnet des Sprachprozessors an den Kopf gelegt werden, damit dieser sich mit dem Implantat verbindet, und die Hörsignale übertragen kann.

Dadurch, dass das CI "von innen wirkt", und das HG von außen nur verstärken kann, ist das erste Hören mit CI ein völlig anderes. Es fühlt sich natürlicher an, auch wenn das ungeübte CI-Ohr die Klänge noch nicht zuordnen kann. Obwohl die hörbaren Frequenzraten mit CI weitaus größer sein können, klingt es nie zu laut oder dröhnend. Dennoch, das Hören muss komplett neu gelernt werden. Das liegt vor allem daran, dass das eigentliche Hören im Gehirn stattfindet, nicht im Ohr.

CIs machen deshalb überhaupt keinen Sinn bei Menschen, die noch nie im Leben gehört haben. Man braucht für ein gutes CI-Gehör gute Hörerinnerungen. Da unser Gehirn am besten durch Wiederholungen lernt (denken wir ans Schreibenlernen, oder Radfahren, Sport, Musikinstrumente, alles muss geübt werden), helfen die Hörerinnerungen zum Einordnen der neu gehörten Klänge wie Blaupausen. So können schräg gehörte Töne durch einige Wiederholungen immer normaler und natürlicher klingen, wenn man beim Hören immer wieder versucht, an den zuletzt normal gehörten Klang zu denken.

Auch hier möchte ich ein visuelles Beispiel nennen:

Man stelle sich eine Schrankwand mit vielen Fächern vor, in welcher nur noch die unteren und mittleren Fächer eingeräumt sind. Die oberen (Hochtonschwerhörigkeit) sind alle leer, und man hat Mühe, den Inhalt in die anderen Fächer zu stopfen.
Das CI leert diese Schrankwand erstmal komplett aus, und durch Übung schaffen wir es, die richtigen Gegenstände (Töne) in die passenden Fächer (Hörerinnerung) zu räumen. Am Ende kann die Schrankwand fast vollständig und ausgewogen befüllt sein. Das Hören kling natürlich und Sprache wird spontan verstanden, ohne dass man nochmal überlegen oder nachfragen muss.

Das heißt also, dass ein CI nicht nur den Mut für die OP fordert, sondern auch Fleiß im Üben. Ich habe am Anfang alles viel zu hoch gehört, alles hat geklingelt und gerauscht. Weil ich aber gewohnt war, meine HGs den ganzen Tag lang zu tragen, tat ich dasselbe mit dem CI. Ich lief also mit offenen Augen und offenem CI-Ohr herum und sagte meinem Gehirn, dass die Töne so nicht stimmen. Instinktiv hörte ich mir bestimmte alte Lieder immer und immer wieder an, und stellte fest, wow! Mit jedem Neustart klingt das Lied besser, voller, und fast wieder wie früher.

Durch mein intensives Üben mit Musik (hab ich früher leidenschaftlich gehört, also noch viele Hörerinnerungen), verbesserte sich ganz nebenbei mein Sprachverstehen.

Mir hat das keiner erklärt oder beigebracht. Ich habe rein instinktiv hören gelernt, und da ich damals arbeitslos war, hatte ich den ganzen Tag lang Zeit dafür. Mein Umfeld kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, und ich nicht mehr aus den Jubelmomenten. Körperlich konnte ich mich endlich entspannt hinsetzen und verstand auch ohne direktes Anschauen meine Gesprächspartner. Sogar Englisch konnte ich spielend leicht verstehen.

Heute kann ich sagen, der Unterschied von CI und HG ist immens - aber nur, sofern man übt! So sind unsere Gehirne nun mal.

Ich habe auch CI-Träger kennengelernt, die das Tragen des CIs als lästig und störend empfanden. Dadurch hatten sie nach Jahren noch kein Sprachverstehen erlangen können, weil das CI mehr in der Schublade lag, als am Ohr.

Nun kommt der letzte Faktor, der für ein gutes CI-Hören eine tragende Rolle spielt:

Der/die Audiologe/in! Die Zusammenarbeit mit einem guten Audiologen ist von enormer Wichtigkeit, genauso wie Hörerinnerungen und tägliches Üben. Die Probleme, die ich oft gehört habe, lagen vor allem daran, dass viele CI-Träger nicht in der Lage waren, ihr Hörproblem zu beschreiben. Ihnen fehlen oft buchstäblich die Worte, und ein Audiologe muss dann erspüren, warum für den CI-Träger etwas "komisch" klingt.

Wenn ich zum Audiologen bin, habe ich immer punktgenau beschrieben, was mein Problem war. Fehlten mir die Worte, imitierte ich den falschen Klang, und oft sagten die Audiologen dann: "aha!", und schafften es tatsächlich, den störenden Klang zu verbessern.

Ich ging etwa alle 4-6 Wochen zu einer sogenannten Anpassung, und je nachdem auch mal einige Monate nicht. Dann ging ich wieder arbeiten und ließ meine CIs für die Räumlichkeiten und Hörsituationen noch ein paar Mal verfeinern.

Abschließend möchte ich weiterhin Menschen ermutigen, die so wie ich damals, an taubheit grenzender Schwerhörigkeit leiden, und überlegen, ob ihnen ein CI helfen kann.

Zur Auswahl des passenden Herstellers kann ich auch sagen, alle sind gut, aber sie bieten unterschiedliches Zubehör an, welches von den KK auch übernommen wird. Daher achtet bei der Suche nach einem CI darauf, was euere Hobbies oder Berufe, bzw. euer Alltage sind. Sportler z.B., die viel schwitzen, haben andere Bedürfnisse, wie Hausfrauen mit Großfamilien. Oder Rentner haben andere Ansprüche ans Hören, wie Schüler etwa.

Deshalb empfehle ich immer, sich alle Hersteller anzuschauen und im Zweifelsfall die Klinik zu fragen, welches Zubehör bei welchm Hersteller zum CI mitgewählt werden kann. Mein damaliger Arzt hatte mir für's erste CI ein sogenanntes "Kinderpaket" von AB bestellt, wo für mich sehr nützliches Zubehör dabei war. Das zweite CI war dann ein "Erwachsenenpaket" und meiner Meinung nach deutlich abgespeckt.

Also, ich hoffe, dass ich die wichtigsten Fragen verständlich zusammenfassen konnte, und dem Einen oder der Anderen einige Bedenken nehmen konnte, ob ein CI sinnvoll ist oder nicht.

Vielleicht habe ich in der Fülle der Informationen einige Dinge vergessen, oder nicht angesprochen, bin dafür aber gerne bereit, mit Euch darüber zu reden oder zu diskutieren.


Zu guter Letzt möchte ich noch etwas sagen, das CI kann ein Gehör, das kaputt ist, nicht noch kaputter machen. Sehr wohl kann ein CI aber im Lärm sehr schwere psychische und körperliche Schäden hervorrufen, wenn man sein elektrisches Ohr nicht ausreichend gegen die (oft zu laute) Dauerbeschallung unserer Welt schützt. Deswegen möchte ich darauf auch unbedingt aufmerksam machen, weil die Ärzte und Audiologen zum Thema Lärm nie etwas sagen. Schließlich ist das ihr Geschäft, lärmgeschädigte Ohren wieder fit zu machen...


Es grüßt, und wünscht Euch eine gute Woche

Hanna
Schwerhörig sein bedeutet, dass du das was du nicht mitbekommst, nicht mitbekommst, aber die Anderen um dich herum bekommen mit, dass du schwerhörig bist.
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#2 22.06.2020, 10:10
NRE Abwesend
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Betreff: Re: Unterschiede des Hörens mit CI und HG
Hallo Hanna,

herzlichen Dank für deinen sehr ausführlichen und gut verständlichen Bericht. Eine so gute Darstellung habe ich bisher noch nicht gelesen.

Da mein Hörverluste sehr hoch ist wäre ich auch ein CI-Kandidat. Mein HNO würde mir auch sofort eine entsprechende Überweisung ausstellen.

Noch fehlt mir der Mut zu einem solchem Schritt. Hierbei spielt auch mein alter eine Rolle. Ich bin 76. Da überlegt man schon, ob man sich das antut. Zumal ich im Alltag mit meinen Hörgeräten, ich sage es mal positiv, einigermaßen klar komme. Einen großen Leidensdruck verspüre ich auch nicht, obwohl es natürlich eine stark verminderte Lebensqualität ist, wenn man hochgradig Schwerhörig ist.

Dein Beitrag ist sehr ermutigend.

Vielen Dank nochmal und viele Grüße.

Norbert
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#3 22.06.2020, 10:30
Solveigh Abwesend
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Betreff: Re: Unterschiede des Hörens mit CI und HG
Hallo Hanna, danke für diese Informationen, ich fand sie sehr interessant und leicht verständlich! Dir weiter alles Gute! Solveigh
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#4 22.06.2020, 10:50
Katja_S Abwesend
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1  Bewertung/en: 100 Betreff: Re: Unterschiede des Hörens mit CI und HG
Hallo,

Zitat von Han_na:
Hallo liebe Forenmitglieder,

CIs machen deshalb überhaupt keinen Sinn bei Menschen, die noch nie im Leben gehört haben. Man braucht für ein gutes CI-Gehör gute Hörerinnerungen.

Hanna

mir gefällt der Beitrag von Hanna nach dem 1. spontanen Durchlesen sehr gut Grinning .

Nur kurz der Vollständigkeit haber zu der von mir zitierten Stelle: Diese Aussage trifft nur für erwachsene Gehörlose zu! Und dann liegt die Ursache dafür, dass ein CI dann keinen Sinn (mehr) macht, nicht nur an den fehlenden Hörerinnerungen, sondern vor allem auch daran, dass der Hörnerv mit der Zeit verkümmert, wenn er durch ausbleibende Signale nie gereizt wurde. Mann braucht für das Hören mit einem CI einen intakten Hörnerv, das CI überbrückt "nur" die Härchen im Innenohr (und natürlich das Mittelohr), der Hörnerv muss die Signale trotzdem noch zum Gehirn weiterleiten.
Bei kleinen Kindern oder gar Säuglingen, die noch nie gehört haben, ist ein gutes Hören mit CI durchaus trotzdem möglichund oft ja auch ein (fast) normaler Lautspracherwerb (auch wenn es dafür keine Garantie gibt und die Hörerfolge mit CI auch bei Kindern (wie bei Erwachsenen) sehr unterschiedlich ist). Mein Sohn hat mit Hörgeräten maximal tiefe, sehr laute Töne gehört (in der Bera war bis 110 dB keine Reaktion messbar, sowohl mikt 4 Monaten als auch mit 1 Jahr) , trotzdem kann er mit seinen CIs (die er mit 1 und 4 Jahren bekommen hat) sehr gut hören und Wörter auch korrekt nachsprechen (selbst wenn sie hinter ihm geflüstert werden) und Geräusche sehr korrekt wiedergeben (was er ja nicht könnte, wenn er diese nicht "normal" hören würde). Ich kenne von den CI- Rehas viele Kinder, wo das so ist!
Uns wurde damals gesagt (wir mussten mit dem 2. CI aus anderen medizinischen Gründen sehr lange warten), dass eine Implantation durchaus noch bis zum 7. Lebensjahr Sinn machen würde.
Viele Grüße
Katja
Katja
mit
Erik (geb. 2008), mehrfachbehindert, u.a. sehbehindert und gehörlos
1. CI: 2009
2. CI: 2012
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#5 22.06.2020, 11:50
Han_na Abwesend
Mitglied
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Beiträge: 61


Betreff: Re: Unterschiede des Hörens mit CI und HG
Vielen Dank für Eure lieben Rückmeldungen. Das freut mich, wenn ich das recht komplexe Thema einigermaßen zusammenfassen konnte. Super! Danke Euch!

@Katja_S.
dir muss ich auch danken, denn das wusste ich so noch nicht. Ärzte sagten mir immer, am besten vor dem Spracherwerb implantieren, das wohl im 1. und 2. Lebensjahr stattfindet. Du bestätigst das mit deinem Bericht und machst sogar darüberhinaus noch die Erfahrung, dass es auch etwas später noch funktioniert. Das ist sehr spannend!

Wahrscheinlich dürften CIs bei gehörlosen Kindern ab Schulbeginn problematisch werden. Ich schätze, so ab 6-7 Jahren, wo das CI-Hören fast nicht mehr erlernt werden kann. Spätimplantierte von Geburt an Gehörlose empfinden das CI oft als sehr lästig und störend. Ich glaube, dass ein gehörloses Gehirn, mit noch nie gehörten Tönen über ein CI, heillos überfordert sein müsste.

@Norbert:
Wegen dem Spätertauben muss man sich immer fragen, wie lange will ich so noch weiterleben, bevor ich mir selbst die Chance gebe, mit einem CI gut hören zu lernen. Es ist nämlich auch so, dass nicht nur die Hörgeschädigten unter ihrem Hörverlust leiden, sondern es leiden auch immer die Familienmitglieder und das persönliche Umfeld mit.

Das wurde mir auch erst bewusst, als ich mit CIs "plötzlich" viel besser hörte, und meine Leute den Mund vor Staunen gar nicht mehr schlossen. Auch Tränen der Rührung und Freude habe ich gesehen, weil Freunde sich einfach maßlos freuten, dass ich - die Freundin - endlich hören (teilhaben) kann. Mir war nie bewusst, dass mein Umfeld sich um mich so große Sorgen gemacht hatte, weil ich immer versucht habe, mit mir selbst, mit meinem Hörverlust klar zu kommen. Erklärungsversuche meinerseits brachten keine Hilfe im sozialen Miteinander. Bald trug ich die eiserne Rüstung mit dem Schild "Mir-doch-egal", und ließ niemanden mehr an mich heran. Tatsächlich führt das ignorierte schwindende Gehör zu Hilflosigkeit in allen Reihen, und nicht wenige Hörende leiden furchtbar mit.

Da fragt sich die Ehefrau, wie komm' ich an meinen Mann heran; der Freund fragt sich, will sie mich nicht hören, oder hört sie mich wirklich nicht; die Kollegin zuckt mit den Schultern, und gibt das Nachfragen auf; die Freunde bemühen sich nicht mehr so sehr, den Hörgeschädigten "mitzunehmen"... Soziale Isolation geht nur, wenn alle sich beteiligen, und das tut furchtbar weh!

Aufgeben scheint nur leicht, tatsächlich ist das ein sehr anstrengender und schmerzvoller Weg. Etwas Neues probieren scheint nur schwerer, tatsächlich kann ein neuer Weg zu einem neuen Leben, mehr Freiheit oder Freude führen.

Es kann einem Außenstehenden unfassbar weh tun, wenn man einen bestimmten, schlechthörenden Menschen nicht mehr erreichen kann. Aber kaum einer sagt dazu etwas, gelitten wird im Stillen, meistens auch aus purer Hilflosigkeit und Ohnmacht.

Deshalb ist der Schritt zum Hören, egal wie alt man ist, immer auch eine Bereitschaft, die zeigt, ich will (noch) dazugehören, mich nicht abkapseln, dabei sein!

Und noch etwas: es steht keinem Menschen gut, jung oder alt, wenn er oder sie sich schwerhörig durch's Leben schlägt, da sieht jede Hörhilfe um Längen besser aus.

Viele Grüße und nochmals herzlichen Dank für Euer liebes und interessantes Feedback!

Hanna
Schwerhörig sein bedeutet, dass du das was du nicht mitbekommst, nicht mitbekommst, aber die Anderen um dich herum bekommen mit, dass du schwerhörig bist.
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#6 22.06.2020, 12:24
Katja_S Abwesend
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Betreff: Re: Unterschiede des Hörens mit CI und HG
Hallo Hanna,
natürlich ist es besser, ein CI vor dem Spracherwerb zu implantieren, aber es kann auch noch später funktionieren (vermutlich ist es dann für die Kinder schwerer, vermute ich) . Bei manchen Kindern wird ja leider noch heute eine Gehörlosigkeit erst sehr spät erkannt (ich kenne Kinder, wo das erst im Alter von 2 oder gar erst 3-4 Jahren festgestellt wurde) und dann natürlich auch erst später implantiert (wenn sich die Eltern dafür entscheiden).
Bei uns kam ja noch dazu, dass das 1. CI schon mit einem Jahr implantiert wurde, mein Sohn also schon Hörreize bekommen hat (er hat dann auch mit 1 3/4 die 1. Wörter gesprochen). Das 2. CI mit 4 Jahren war wie Anschalten, er hat am 4-5 Wochen nach der EA damuit so gut gehört wie mit dem 1. CI und am Ende der EA Woche bereits nur mit dem neuen CI Wörter nachgesprochen (ist aber wohl nicht immer so beim 2. CI)...
Viele Grüße
Katja
Katja
mit
Erik (geb. 2008), mehrfachbehindert, u.a. sehbehindert und gehörlos
1. CI: 2009
2. CI: 2012
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#7 22.06.2020, 14:14
Rondomat Abwesend
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Betreff: Re: Unterschiede des Hörens mit CI und HG
Hallo Hanna,

das ist eine schöne Zusammenstellung der wichtigen Punkte zum CI. Ergänzend möchte ich, als beidseitiger CI-Träger, noch folgende Punkte hinzufügen:

1. Zum Üben und auf dem Weg, wieder in das Hören und Verstehen zu kommen, ist neben entsprechendem Fleiss, damit verbundenem eigenem Antrieb auch Geduld notwendig. Wer das Glück hat, schon bei der Erstanpassung etwas zu verstehen und nicht nur vage zu hören, neigt gerne dazu, die Schritte zum Fortschritt etwas grösser zu nehmen. Das kann leicht dazu führen, dass unbewusst eine Überforderung eintritt - kein Wunder, das Gehirn bekommt wieder Futter, das mehr oder weniger lang vorenthalten wurde, da muss auch wieder gelernt werden, das zu verarbeiten, das gilt natürlich erst recht auch dann, wenn die Erstanpassung noch nicht zu spontanem Hören/Verstehen führt. Ein guter Audiologe erklärt dies vor der Erstanpassung und stimmt die Erwartungshaltung, die man mitbringt, entsprechend ab.

2. Es ist hilfreich, zwischen den Anpassterminen eine Art Hörtagebuch zu führen: Was stört mich in welcher Hörsituation? Wo glaube ich, kann noch etwas verbessert werden? Was fällt mir immer wieder negativ auf beim Hören/Verstehen, kann ich hier noch etwas verbessern?
Über eine gewisse Zeit hinweg bilden sich dann einige Schwerpunkte heraus, die für den Audiologen eine Hilfe sind - er hört ja nicht, wie wir hören, er ist auf unsere bestmögliche Beschreibung dessen angewiesen.

3. Für Personen, die sich mit der Entscheidung für ein CI möglicherweise schwer tun, hilft es, sich an eine der nächstgelegenen CI-Selbsthilfegruppen zu wenden. Diese SHGs veranstalten in regelmässigen Abständen CI-Stammtische oder CI-Cafés, wo man sich austauschen kann, Informationen einholen und ggf. Kontakte knüpfen kann, die einem hier weiterhelfen. Auch hat man auf einen Schlag eine gute Bandbreite an verschiedenen CI-Typen "greifbar", und man deren Träger direkt ansprechen. Es ist klar, jeder CI-Träger hört und empfindet das CI und das Hören damit anders, aber es doch eine gute Sache, wenn man auf diese Erfahrungen zurück greifen kann. Auch manche Reha-Kliniken bieten so etwas an.

4. Und zur Vollständigkeit zu CI und HG möchte ich noch das sogenannte Hybrid-CI nennen: Dies ist ein CI mit einem HG, das mit einer verkürzten Elektrode implantiert wird. Dabei ist der Tieftonbereich vom HG versorgt, also auf dem natürlichen Weg, der Rest über den Tiefen wird von der CI-Elektrode abgedeckt.
Viele Grüsse, Rainer
_________________________________

Ich habe dauernd Med-el's im Kopf ....
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#8 24.06.2020, 14:07
Jani Abwesend
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1  Bewertung/en: 100 Betreff: Re: Unterschiede des Hörens mit CI und HG
Liebe Hanna,

jetzt gebe ich Dir auch mal eine Rückmeldung zu Deinem Beitrag. Ich habe ihn mit viel Freude und Leichtigkeit gelesen und es ist alles richtig, was Du da beschreibst. Für diejenigen, die noch vor der Entscheidung stehen ist es sehr hilfreich und macht Mut.

Ich möchte sehr gerne noch etwas ergänzen: Meiner Meinung nach kommt es auch auf die Hörbiographie des Einzelnen an, wie gut oder schlecht mit einem CI gehört wird. Ich selber habe an das Hören von Normalhörenden keinerlei Hörerinnerungen mehr, da ich mit dem 1. Lebensjahr schon Hörgeräte trug. Somit konnte ich bei der ersten CI-Implantation nur auf die Hörerinnerungen mit Hörgeräten zurückgreifen. Ich kann von mir zwar sagen, dass ich jetzt mit zwei CI‘s besser höre als früher mit den Hörgeräten, aber ich höre dennoch schlecht im Alltag, da ich nach wie vor aufs Mundbild zum Absehen angewiesen bin und ich mich nun mal nicht nur aufs Hören verlassen kann. Denn würde ich das tun, käme es sicherlich zu Missverständnissen und dies vor allem im Störschall. In unserem Alltag ist es ja nie so ruhig, dass man zum Beispiel nur seinen Gesprächspartner hören und verstehen könnte. Dazu müsste man dann schon in die Hörkabine wie beim Hörgeräteakustiker gehen. ;-) Was das Thema Telefonieren angeht: Das können auch nicht alle CI-Träger.

Mir hat sich während des Schreibens die Frage gestellt, ob es Unterschiede gibt bei den Hörerinnerungen von Schwerhörigen in Bezug auf das Hörenlernen mit CI, die mal normal gehört haben und irgendwann ein CI bekommen und denjenigen, die nur Hörerinnerungen mit dem Hörgerät haben? Ich hoffe, meine Frage ist verständlich genug.

Zum Thema Lärm möchte ich noch folgendes sagen: Man kann sagen, dass alle Hörgeschädigten lärmempfindlich sind, da der Dynamikbereich bei uns nicht so groß ist wie es bei Normalhörenden der Fall ist, was das Ausgleichen von lauten Geräuschen angeht. Was es aber ja noch gibt, ist die sogenannte Hyperakusis, die Lärmempfindlichkeit, die noch extremer ist. Das heißt, selbst normale Geräusche oder auch Stimmen im normalen Bereich können dann für die betreffende Person unerträglich sein. Ich spreche da aus Erfahrung, Du sicherlich auch, Hanna, oder? ;-)
Darum kann ich Dir nur Recht geben damit, dass wir Hörgeschädigte auf Hörpausen auch achten müssen, damit unser Hörorgan auch mal zur Ruhe kommen kann und da ist es eben nicht hilfreich, nur über Nacht die Geräte weg zu lassen.

Liebe Grüße Jani :-)
Seit nach Geburt schwerhörig und bilaterale CI-Trägerin von AB:
- rechts: Naída Q70 CI, implantiert im Februar 2001
- links: Naída Q90 CI, implantiert am 14. Mai 2018
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