#1 04.04.2017, 15:38
Jolia Abwesend
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Betreff: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Hallo alle miteinander.
Ich bin nun schon eine Weile hier angemeldet und habe bereits viele Beiträge von euch gelesen, die mir in den vergangenen Monaten oft geholfen haben und mir viel Mut gemacht haben.
Meine Tochter Leni ist sechs Monate alt. Direkt nach der Geburt wurde durch das Neugeborenenhörscreening eine Auffälligkeit des Gehörs festgestellt. Eine ziemlich zügige frequenzspezifische BERA (4 Wochen später) hat ergeben, dass sie einen beidseitigen pantonalen Hörverlust bei 60 DB im Innenohr hat. Uns wurde der Hörverlust als mit mittelgradig beschrieben. Ein Syndrom als Ursache für den Hörverlust wurde in anschließenden Untersuchungen ausgeschlossen. Eine Schädigung hinter dem Innenohr wurde in der Pädaudiologie/Phoniatrie ebenfalls ausgeschlossen.
Sie wurde dann bereits mit zwei Monaten mit Hörgeräten versorgt und akzeptiert diese ausgesprochen gut. Sie trägt sie den ganzen Tag. Wir erkennen Unterschiede in ihren Reaktionen, die von Monat zu Monat etwas besser werden, da sich ihre Hörbahnen ja noch entwickelt.
Nun bin ich jedoch ratlos.
Seit einiger Zeit lassen diese Reaktionen nach (zumindest bilde ich mir das ein). Ich habe den Eindruck, dass sie auf manche Geräusche viel weniger reagiert. Auf ihren Namen oder auf Ansprache reagiert sie teilweise gar nicht. Dann jedoch reagiert sie plötzlich auf Geräusche, von denen man es gar nicht erwartet hätte, weil sie so leise sind. Manchmal zeigt sie sogar die gleichen Reaktionen, egal ob mit oder ohne Hörgeräte. In der Freifeldaudiometrie konnten sowohl mit als auch ohne Hörgeräte Reaktionen festgestellt werden, mit Hörgeräten natürlich bessere. Die Audiologin war jedoch erstaunt, dass jegliche Reaktionen nicht reproduzierbar gewesen sind, obwohl sie eindeutig feststellbar waren. Als der Akustiker letztens mit einem Holzklotz vor ihren Augen sehr laut auf den Tisch gehämmert hat, hat sie nochnichtmal mit der Wimper gezuckt. Bei einem anschließenden leisen Fingerschnipsen hinter ihrem Kopf hat sich jedoch direkt in die richtige Richtung geschaut. Außerdem zeigt sie seit Beginn überhaupt keine Reaktion, sobald die Hörgeräte anfangen zu pfeifen. Das Geräusch ist doch sehr laut, wieso zuckt sie auch da überhaupt nicht mit der Wimper?!
Das irritiert mich sehr und ich kann es mir nicht erklären.
Eigentlich habe ich ihren Hörverlust sehr gut akzeptiert und bin mir sicher, dass Leni sich toll entwickelt wird. Einzig die Angst, dass sich ihr Hörverlust nun verschlechtert haben könnte macht mir Sorgen, so dass ich zugegebenermaßen jeden Tag irgendwelche blöden Hörtests mit ihr mache, die natürlich überhaupt keine Aussagekraft haben und mich immer weiter verunsichern.
Kennt jemand von euch diese Reaktionen bei Babys? Oder hört sich das eurer Meinung nach auch irgendwie seltsam an?
Ich würde mich sehr über eure Antworten freuen.
Toll, das es dieses Forum gibt!
Liebe Grüße, Jolia
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#2 04.04.2017, 20:51
fast-foot Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Hallo Jolia,

im Moment möchte ich nur kurz auf den einen oder anderen Punkt eingehen.

Zitat von Jolia:
Als der Akustiker letztens mit einem Holzklotz vor ihren Augen sehr laut auf den Tisch gehämmert hat, hat sie nochnichtmal mit der Wimper gezuckt.

Meines Wissens verschwindet der entsprechende Reflex im Alter von ein paar Monaten. Dies würde immerhin sein Ausbleiben erklären.


Zitat von Jolia:
Seit einiger Zeit lassen diese Reaktionen nach (zumindest bilde ich mir das ein). Ich habe den Eindruck, dass sie auf manche Geräusche viel weniger reagiert.

Dies kann ganz einfach daran liegen, dass Deine Tochter die Geräusche zu wenig interessant findet, um mit einer sichtbaren Reaktion "zu antworten".


Zitat von Jolia:
Außerdem zeigt sie seit Beginn überhaupt keine Reaktion, sobald die Hörgeräte anfangen zu pfeifen. Das Geräusch ist doch sehr laut, wieso zuckt sie auch da überhaupt nicht mit der Wimper?!

Wie gesagt, könnte es sein, dass der entsprechende Reflex nicht mehr vorhanden ist (was im Alter von ein paar Monaten normal ist, so denke ich).


Und noch eine Frage: weiss Du, auf Grund welcher Messungen eine Schädigung "hinter dem Innenohr" ausgeschlossen wurde?


Gruss fast-foot
Ausgewiesener Spezialist* / Name: Wechselhaft** / Wohnsitz: Dauer-Haft (Strafanstalt Tegel) / *) zwecks Vermeidung weiterer Kollateralschäden des Landes verwiesen / **) Name fest seit Festnahme
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#3 04.04.2017, 21:24
Jolia Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Hallo fast-foot,

Danke für deine Antwort!

Die Erklärungen hören sich plausibel an, jedoch verstehe ich dann wiederum nicht, wieso manchmal ein deuliches Aufschrecken oder Wimpernzucken zu sehen ist und in anderen - ähnlich unerwarteten - Situationen nicht. Vereinfacht formuliert kann sie doch nicht "nur manchmal" schwerhörig sein - aber tatächlich habe ich genau diesen Eindruck (obwohl mir klar ist, dass das nicht sein kann).

Vielleicht ist meine Formulierung, dass eine Schädigung "hinter dem Innenohr" ausgeschlossen wird, etwas zu sehr runtergebrochen. Die Audiologin sagte damals, dass die Interpeaklatenzen regelrecht seien. Deshalb würde sie die Schädigung nur im Innenohr vermutent. Deshalb ging sie zusätzlich davon aus, dass sich die Werte im Rahmen der Hörbahnreifung nicht mehr merklich verbessern würden. Das ist tatsächlich genau der Teil der Diagnose, den ich nicht verstehe. Bezieht sich die Hörbahnreifung denn hauptsächlich auf die Schnelligkeit der Verarbeitung?
Viellecht kannst du mir das erklären?

Dankeschön und liebe Grüße
Jolia
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#4 04.04.2017, 21:53
Jolia Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
So, Dateien hochladen klappt nicht, ich habe die Befunde mal abgetippt. Ist bestimmt besser als meine laienhafter Versuch das zu erklären Grinning

Befunde:
HNO Status: Ohren: soweit einsehbar, Gehörgang bds. angelegt, Trommelfell reizlos, Belüftung der Pauke nicht beurteilbar, Nase wegig, Schleimhaut intakt, Hauchplatte bds behaucht, harter Gaumen regelrecht, kein Anhalt für Spaltbildung (palpiert), Tonsillen unauffällig, Hals palpabel frei.

Audiometrie: Tympanogramm-Kurvenverlauf bds gipfelig. TEOAE und DPOAE bds nicht ausrechend nachweisbar. Echoscreen: rechts und links bei einem Click-Reiz von 35db keine ausrechenden Potentiale nachweisbar, bei 45 db nur rechts ausrechend nachweisbar.

Hirnstammaudiometrie in Sedierung mit Chloralhydrat. Gute Ableitungsbedingungen.
Click-BERA rechts: ein vollständiges Potentialmuster Jewett I-V war nicht ableitbar. Das Potentialmuster V ist bis 60 db ableitbar. Die Absolutlatenzen III und V sind verlängert. Die Interpeaklatenzen sind regelrecht.
Click-BERA links: das vollständige Potentialmuster I-V ließ sich bei 90 db ableiten. Das Potentialmuster V ist bis 70 db ableitbar. Die Absolutlatenzen sind unauffälligt. Die Interpeaklatenzen I-III und III-V sind ebenso unauffällig.
Chirp-induziertes Potential rechts: bei 500Hz bis 70db ableitbar, bei 1000Hz bis 60db, 2000Hz bis 60db, und 4000Hz bis 60db ableitbar.
Chirp-induziertes Potential links: bei 500Hz bis 60db ableitbar, bei 1000Hz bis 60db, 2000Hz bis 70db, und 4000Hz bis 40db ableitbar.

Diagnosen:
Mittelgradige, nahezu pantonale Schallempfindungsschwerhörigkeit bds.
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#5 04.04.2017, 22:20
fast-foot Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Hallo Jolia,

hier meine Sichtweise:

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Reflex (Zucken der Augenlider) bei gleichen Reizen mal ausgelöst wird und dann wieder nicht.

Möglicherweise hängt die Reaktion auch von nicht akustischen Reizen (bspw. einem Luftzug) ab.

Wobei natürlich die Beurteilung "ähnlich unerwartet" eher vage ist. Ich gehe auch nicht davon aus, dass der Reflex ausgeschaltet bzw. unterdrückt wird, wenn ein bestimmtes Geräusch erwartet wird (sicher ausschliessen kann ich es allerdings nicht).

Zitat von Jolia:
Deshalb würde sie die Schädigung nur im Innenohr vermutent. Deshalb ging sie zusätzlich davon aus, dass sich die Werte im Rahmen der Hörbahnreifung nicht mehr merklich verbessern würden.

Ach so, das klingt etwas anders. Es ist also eine Vermutung. An Hand der TEOAEs und DPOAEs kann man eine hohe Beteiligung des Innenohres fest stellen, sofern die Ursache bei den äusseren Haarzellen liegt.

Die Latenzen sind nur ein Kriterium und auch interindividuell verschieden. Bei einer einseitigen Hörstörung sind die Werte aussagekräftiger.
Liegt die Ursache vorwiegend bei den äusseren Haarzellen, so ist bei den überschwelligen Messungen ein eher linearer Verlauf der Latenzen zu erwarten.

Ein weiteres Kriterium ist, "ab welchem Reizpegel" überhaupt ein Peak zu erkennen ist und welcher Region im Hirnstamm er zugeordnet werden kann (oder auch, ob er auf Grund der Reizweiterleitung durch den Hörnerv entsteht); also, wo die Hörschwelle liegt (bzw. auch, wo Hörverluste auftreten).

Was man also aus einer BERA heraus lesen kann, sind die Hörschwellen (ab welchen Reizen man überhaupt eine Reaktion erkennen kann) und die (Interpeak-) Latenzen (wie stark verzögert ein elektrisches Potential abgeleitet werden kann (und wie die Verzögerungen der verschiedenen "Ausschläge" zueinander ausfallen)), aber auch, wie das Verhältnis der Amplituden der verschiedenen Wellen zueinander ausfällt und auch die Höhe der Amplituden im Verhältnis zur Intensität des Reizes etc.

Einfach gesagt bezieht sich die (gemäss BERA feststellbare) Hörbahnreifung auf die Hörschwelle und die Latenzen.

Da in der Regel mit dem Alter die Amplitude zunimmt und die Latenzen abnehmen, sind mindestens zwei Faktoren wichtig.


Zitat von Jolia:
Die Audiologin sagte damals, dass die Interpeaklatenzen regelrecht seien. Deshalb würde sie die Schädigung nur im Innenohr vermutent.

Das klingt als Vermutung plausibel. Wenn darüber hinaus die Ergebnisse von TEOAEs und DPOAEs auffällig sind, ist dies ein weiterer Hinweis hierfür.

Trotzdem würde ich noch von einem Verbesserungspotential ausgehen, da eben die Hörschwellen auch bei normalem Gehör bei Kindern in diesem Alter um ca. 20 dB bis 25 dB erhöht sind.
Darüber hinaus kann die Entwicklung der retrocochleären Hörbahnen in Folge mangelnden Inputs (auf Grund der (vermutlich) innenohrbedingten Hörstörung) nach dessen "Korrektur" (durch eine Hörgeräteversorgung) "in vermehrtem Masse statt finden".


Gruss fast-foot
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#6 05.04.2017, 08:03
Katja_S Anwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Hallo Jolia,
bei meinem Sohn wurde mit 4 Monaten eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit festgestellt (in der Bera bis 110 dB keine Reaktion). Er hat dann auch HG bekommen (sehr starke). Wir haben bei ihm natürlich auch auf alle (wirkliche oder vermeintliche) Hörreaktionen geachtet und ihn genau beobachtet-vor der Diagnose und dann mit HG erst recht. Das ist jetzt mit eurer Tochter nicht vergleichbar, aber auch wir hatten Situationen, wo er überhaupt nicht reagiert hat und andere, wo er bei einem Klatschen, Klopfen, Tür zu batschen, Ansprache reagiert zu haben schien. Schwierig ist da immer zu beurteilen (war es zumindest für uns), ob es wirklich eine Reaktion auf Geräusche war oder die Kinder es irgendwie anders mitbekommen haben (z.B. Luftzug beim Klatschen oder von der Ansprache; Schattenspiele auf dem Tisch/Wand beim Türzuschlagen oder auch beim Händebewegen; Vibrationen; Mimik bei einem Erwachsenen, der im Sichtfeld des Kindes sitzt und zu dem anderen hin schaut, der die Geräusche macht; Hand-/Mundbewegungen..). Oft konnten wir dann so eine Erklärung nicht ausschließen.
Wo sitzt denn deine Tochter bei der Akkustikerin? Auf deinem Schoß? Könnte es sein, dass du da manchmal gezuckt hast, dich leicht bewegt hast beim Geräusch und manchmal nicht?
Dazu kommt es ja noch auf die Aufmerksamkeit des Kindes an. Wenn Geräusche uninteressant sind (Holzklotz auf Tisch) oder auch zu oft wiederholt wurden, reagieren Kinder nicht unbedingt, auch wenn sie die Geräusche wahrgenommen haben. Verstehst du, was ich meine?
Na ja, das sind nur ein paar Ideen von mir.
Habt ihr Hörfrühförderung?
Gruß
Katja
Katja
mit
Erik (geb. 2008), mehrfachbehindert, u.a. sehbehindert und gehörlos
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#7 05.04.2017, 11:12
Quotenkrüppel Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Hallo Jolia

So wenig hilfreich das im Moment auch klingen mag: Mach dir nicht zu viele Gedanken.

Dass deine Tochter manchmal Dinge hört die sie gar nicht hören dürfte ist völlig normal. Bei mir wurde die Hörbehinderung z.B. erst mit 4 Jahren festgestellt (fange bei 70dB an). Kinder lernen aber unglaublich schnell sich anders zu orientieren. Klar sie kennt das dann ja gar nicht anders. Z.B. achte ich heute noch automatisch auf Schattenwürfe, Spiegelungen usw. Katzen und Hunde sind auch hilfreich. Wenn es totenstill zu sein scheint und die Tiere plötzlich aufhorchen und in eine Richtung schauen dann ist da meistens was. Auch Vibrationen werden beachtet. Wenn bei mir in der Arbeit einer auf den Tisch klopft und ich habe beide Hände darauf liegen dann kann ich sogar sagen an welcher Stelle geklopft wurde.
Also: Wenn deine Tochter unvermutet reagiert hat sie es registriert, fragt sich eben nur wie genau :-)
Dass sie manchmal nicht reagiert ist genauso normal. Du kennst doch bestimmt den frustrierenden Versuch ein Kleinkind zu fotografieren wenn es in die Kamera schaut ? Sonst interessiert sich das Kind für alles, aber gerade da könnte ein Elefant neben dem Fotografen stehen das wird gar nicht beachtet. Ebenso ergeht es dir und dem Audiologen. Sie hat schlichtweg manchmal keine Lust. Und wenn du jeden Tag kleine Versuche mit ihr machst dann wird das umso mehr der Fall sein. Sie ist dann ja gewohnt dass sich immer mal irgendwo plötzlich etwas rührt, also wird auch nicht mehr vorschriftsmäßig erschrocken.

Ansonsten sind HGs eine sehr gute Wahl (ist ja auch schonmal ganz toll dass sie die akzeptiert ! Das bedeutet die sind grundsätzlich schonmal nicht verkehrt eingestellt).
Der Hörnerv ist salopp gesagt auch nur ein Muskel. Wenn der bei einer Operation freiliegt und im Ohr wird ein Ton eingespielt sieht man ihn wirklich zucken. Und da verhält sich das wie mit jedem Muskel: Training ist das A und O.
Durch die HGs kommen Reize an Ohr und Hirn die verarbeitet werden müssen. Deswegen versucht man bei Kleinkindern auch auf Spracherkennung etc. zu verzichten sondern schickt alles, also auch Störgeräusche ins Ohr.
Geht wirklich einmal davon aus dass sich da noch was verbessern kann Smiling
Li-Re-kHz
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#8 06.04.2017, 12:35
Jolia Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Vielen Dank für eure Antworten!!!

@fast-foot: Eine Verbesserung wäre natürlch toll. Nachdem ich ein paar Begriffe deiner Anzwort gegoogelt habe, verstehe ich den Zusammenhang nun noch etwas besser. Das Gehör ist faszinierend, das ist mir durch Lenis Diagnose überhaupt erstmal bewusst geworden!
Die Ärzte gehen tatsächlich von einem Defekt der äusseren Haarzellen aus. Kannst du mir nochmal erklären, was du mit einem linearen Verlauf der Latenzen bei überschwelligen Messungen meinst? Bzw, wie kann denn darauf geschlossen werden, dass die äußeren und nicht die inneren Haarzellen betroffen sind?

@Katja: Ich achte immer genau darauf, ob vielleicht auch andere Reize ihre Reaktion auslösen. Oftmals kann ich das auch nicht ausschließen. Da hast absolut Recht. Aber bei vielen Malen konnte ich ganz bestimmt sagen, dass die Reaktion ausschließlich durch das Gehör erzeugt wurden....naja, oder eben ausgeblieben sind. Eine Frühförderin kommt zu uns, seit Leni die Hörgeräte hat. Das ist wirklich toll und hilfreich. Auch sie erkennt klare Hörreaktionen. Wobei das "Hörtraining" immer Sehen und Hören miteinander kombiniert. Sie sagte, dass daduch der Hörinput im Gehirn besser mit visuellen Ereignissen "verschaltet" wird. Hört sich logisch an Smiling
Außerdem hat sie ganz zu Beginn einen schönen Satz gesagt, der mir im Kopf geblieben ist.
"Kinder mit Hörschädigung bräuchten nichts besonderes, sie bräuchten aber mehr vom "Normalen".

@Quotenkrüppel: Deine Beschreibung des Hörnerves als ein Muskel ist toll. Kann ich mir sehr gut vorstellen! Ich habe deine Hörkurve im Anhang gesehen. Mich würde mal interessieren, wie für dich der Unterschied zwischen Hören mit und ohne Hörgerät ist. Denn auch du hörst ja wie Leni einiges ohne Hörgerät, oder? Kannst du einem Gespräch ohne Hörgeräte unter Anstrengung folgen, oder ist es dann sehr verzerrt oder dumpf? Bzw wie ist im Vergleich dazu das Hören mit Hörgerät. Natürlich besser, klar, aber ist es anstrengend in großen Räumen oder in einer vollen Einkaufsstraße? Das habe ich mal gelesen, so dass ich mich frage, wie Leni diese Situationen später erleben wird.
Ich weiß, meine Fragen entsprechen nicht unbedingt deinem Tipp, mir nicht zu viele Gedanken zu machen Smiling Aber das konnte ich noch nie so gut und es interessiert mich wirklich sehr!

Ich kann nur noch mal sagen, dass ich sehr glücklich bin über eure Antworten und den Austausch der hier stattfindet!!!
Liebe Grüße
Jolia
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#9 06.04.2017, 12:50
Katja_S Anwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Hallo Jolia,
Zitat: "Kinder mit Hörschädigung bräuchten nichts besonderes, sie bräuchten aber mehr vom "Normalen".
Den Satz haben wir damals auch von unserer HörFF gehört und erhat sich mir auch gut eingeprägt! Für uns war das auch interessant, weil Erik auch SehFF (und HörsehFF) hatte und wir da immer spezielles Spielzeug hatten bzw. uns die SehFF gezeigt hat, wie wir normales Spielzeug sehbehindertengerecht aufpeppen können.
Da war es also irgendwie umgekehrt...
Na ja, das hat jetzt nicht ganz zum Thema gepasst...
Ich wünsche euch alles Gute und deiner Kleinen ganz viel Freude an Geräuschen und bei dem Erkunden der akkustischen Umwelt!
Das 1. Mama ist dann besonders toll!
Gruß
Katja
Katja
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Erik (geb. 2008), mehrfachbehindert, u.a. sehbehindert und gehörlos
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2. CI: 2012
Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert, das letzte Mal am 06.04.2017, 12:54 von Katja_S. ↑  ↓

#10 06.04.2017, 20:01
Quotenkrüppel Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Hallo Jolia

Keine Angst du darfst mich (und ich glaube auch alle anderen hier) natürlich alles fragen, dafür ist dieses Forum ja da.
Dass du genau wissen willst wie dein Tochter hört ist ja nur natürlich. Du solltest ihr nur nie den Eindruck vermitteln, dass es schlimm wäre dass sie nicht alles hört. Das wollte ich damit ausdrücken. Smiling

Tja, klar ich höre auch ohne HGs...ziemlich viel wie ich finde Grinning
Ich schaffe es sogar ohne HGs in die Arbeit zu gehen, z.B. dieses Jahr notgedrungen eine Woche weil meine Ohrstücke kaputt waren. Da komme ich ganz gut mit. Das kuriose dabei ist: Ich würde in dem Moment nicht einmal sagen dass es anstrengend ist. Der einzige Unterschied dabei ist, dass ich dann nach 5 Stunden hundemüde bin. Man merkt die Anstrengung erst später. Situationen in großer Runde oder Einkaufszentren und dergleichen sind im Prinzip auch nicht anstrengender als für dich auch. Klar da ist es lauter und es reden viele Leute, allerdings interessiert mich das ja normalerweise nicht. Es ist eben Gemurmel im Hintergrund. Sich mit jemanden in dieser Umgebung zu unterhalten ist natürlich ein bisschen schwerer, aber da hilft Lippenlesen sehr gut weiter. Das macht man ganz automatisch (auch du ! Blos nicht so viel Wink ).

Mit HGs klingt es im ganzen lauter, heller und "runder" weil dann auch Geräusche da sind die man vorher nicht gehört hat. Wenn ich es beschreiben soll ohne HGs...also "Kafeetasse" würde bei mir dann "--A--E--HMMM-HMMM" klingen. Also die Buchstaben die ankommen und dann ein Grummeln wenn der Sprecher leiser wird. Bestimmte Buchstaben wie K + H oder M+N kann ich schwer auseinanderhalten oder am Anfang des Wortes verschwinden sie gerne (mein Alphabet hat gehört nur 17 Buchstaben). Keine Angst, das macht aber überhaupt nichts ! Das Hirn ergänzt das ganz automatisch. Um einen Text zu verstehen muss man 70% mitkriegen und da liegt deine Tochter weit drüber. Und außerdem trägt sie ja HGs.
Hier gibts ein paar Beispiele :
http://maphyn.amp.th-nuernberg.de/...k/akustik/
Unter 2.2.1 Hörverlust.

Zu meiner Zeit (ich habe meine ersten Hg vor 30 Jahren bekommen) lernte die Technik gerade laufen. Nix mit verschiedenen Geräten, da gab es nur eines und das hatte eine Schraube mit + und - für die Lautstärke das wars. Nichts mit digital. Ich habe damit trotzdem eine ganz normal Schule besucht und Physik studiert. Deiner Tochter stehen von daher alle Wege offen. Keine Angst, am Gehör scheitert es bestimmt nicht.

Ich möchte dich aufs erste nicht mit Infos erschlagen. Das Beste ist wenn du einfach munter drauf los fragst. Smiling
Viele Grüße
Li-Re-kHz
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#11 06.04.2017, 20:39
fast-foot Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Hallo Jolia,

ich sehe es wie folgt:

Zitat von Jolia:
@fast-foot: Eine Verbesserung wäre natürlch toll. Nachdem ich ein paar Begriffe deiner Anzwort gegoogelt habe, verstehe ich den Zusammenhang nun noch etwas besser. Das Gehör ist faszinierend, das ist mir durch Lenis Diagnose überhaupt erstmal bewusst geworden!
Die Ärzte gehen tatsächlich von einem Defekt der äusseren Haarzellen aus. Kannst du mir nochmal erklären, was du mit einem linearen Verlauf der Latenzen bei überschwelligen Messungen meinst? Bzw, wie kann denn darauf geschlossen werden, dass die äußeren und nicht die inneren Haarzellen betroffen sind?

Nun, die äusseren Haarzellen haben ausschliesslich die Funktion, mechanische Schwingungen zu verstärken oder ab zu schwächen. Die Verstärkung findet jedoch nicht linear statt (bei jedem Schalldruckpegel ("Lautstärke") gleich stark), sondern ist bei geringen Schalldruckpegeln (ab der Hörschwelle) am stärksten und nimmt dann mit zunehmendem Schalldruckpegel immer mehr ab, bis sie gleich null ist (so bei Pegeln um 50 dB; ab Pegeln von vielleicht 90 dB findet dann eine Abschwächung der Schwingungen statt).

Letztlich spiegelt sich dies auch in den Ergebnissen einer BERA wieder, insbesondere bei den Latenzen. Diese "nehmen beim normalen Gehör zu geringen Reizpegeln hin weniger stark zu, wenn der cochleäre Verstärkugnsmechanismus intakt ist im Vergleich zu einer sich ausschliesslich passiv verhaltenden Basilarmembran (was der Fall ist, wenn die Funktion der OHCs total ausfällt)".

Das heisst nicht, dass ein linearer Zusammenhang zwischen dem Schalldruckpegel und der Latenz besteht, wenn eine vollständige Dysfunktion der OHCs vorliegt. Es besteht jedoch ein linearer Zusammenhang zwischen der Funktion, welche beim normalen Ohr den Schalldruckpegel auf die Latenz abbildet und der selben Funktion bei einer ausschliesslichen Schallleitungsschwerhörigkeit. Dieser ist nicht mehr gegeben, wenn eine Dysfunktion der OHCs vorliegt.

Einfach gesagt nehmen die Latenzen einen anderen Verlauf, wenn eine Funktionsstörung der OHCs vorliegt (und sonst "alles in Ordnung ist"), als bspw. bei einer ausschliesslichen Schallleitungsschwerhörigkeit.



Zitat von Jolia:
Befunde:
HNO Status: Ohren: soweit einsehbar, Gehörgang bds. angelegt, Trommelfell reizlos, Belüftung der Pauke nicht beurteilbar, Nase wegig, Schleimhaut intakt, Hauchplatte bds behaucht, harter Gaumen regelrecht, kein Anhalt für Spaltbildung (palpiert), Tonsillen unauffällig, Hals palpabel frei.

Audiometrie: Tympanogramm-Kurvenverlauf bds gipfelig. TEOAE und DPOAE bds nicht ausrechend nachweisbar. Echoscreen: rechts und links bei einem Click-Reiz von 35db keine ausrechenden Potentiale nachweisbar, bei 45 db nur rechts ausrechend nachweisbar.

Hirnstammaudiometrie in Sedierung mit Chloralhydrat. Gute Ableitungsbedingungen.
Click-BERA rechts: ein vollständiges Potentialmuster Jewett I-V war nicht ableitbar. Das Potentialmuster V ist bis 60 db ableitbar. Die Absolutlatenzen III und V sind verlängert. Die Interpeaklatenzen sind regelrecht.
Click-BERA links: das vollständige Potentialmuster I-V ließ sich bei 90 db ableiten. Das Potentialmuster V ist bis 70 db ableitbar. Die Absolutlatenzen sind unauffälligt. Die Interpeaklatenzen I-III und III-V sind ebenso unauffällig.
Chirp-induziertes Potential rechts: bei 500Hz bis 70db ableitbar, bei 1000Hz bis 60db, 2000Hz bis 60db, und 4000Hz bis 60db ableitbar.
Chirp-induziertes Potential links: bei 500Hz bis 60db ableitbar, bei 1000Hz bis 60db, 2000Hz bis 70db, und 4000Hz bis 40db ableitbar.

Diagnosen:
Mittelgradige, nahezu pantonale Schallempfindungsschwerhörigkeit bds.

Das habe ich glatt übersehen.

Wurde keine Tympanometrie durchgeführt?

Die Ergebnisse sprechen insbesondere beim rechten Ohr für eine (mehr oder weniger ausschliessliche) Dysfunktion der OHCs (im Innenohr). Beim linken Ohr "sind die Welle I nicht ableitbar und die Absolutlatenzen von (den anderen Wellen) J III und J V verzögert; das heisst, es könnte allenfalls bspw. eine Ursache beim Hörnerv (allenfalls den inneren Haarzellen im Innenohr) vorliegen. Wie stark die Absolutlatenzen verzögert sind, kann ich ohne Diagramme leider nicht erkennen; ich vermute jedoch, dass "die Verzögerung nicht all zu stark ist".

Auf Grund der Ergebnisse würde ich insbesondere beim rechten Ohr die Ursache grösstenteils bei den OHCs im Innenohr vermuten und beim linken dürften diese zumindest stark beteiligt sein am Hörverlust.

Allenfalls kommt noch eine Schallleitungskomponente in Betracht, zumal eine Belüftungsstörung nicht ausgeschlossen wurde und keine Tympanometrieergebnisse vorliegen.

Vielleicht schaffst Du es ja noch, zumindest die Potentialkurven ("Zick-Zack-Linien") der BERAs hoch zu laden. Eine optische Sichtung könnte je nachdem noch weitere Informationen liefern. Vielen Dank.


Gruss fast-foot
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#12 06.04.2017, 20:50
Quotenkrüppel Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Doch Tympanometrie wurde durchgeführt.

Nachdem im Befund steht "Audiometrie: Tympanogramm-Kurvenverlauf bds gipfelig." Bedeutet dies nomralerweise "ohne Befund", also soweit alles im Normbereich.

@Jolia: Das bedeutet vereinfacht ausgedrückt im Mittelohr ist soweit alles in Ordnung. Würde dort etwas nicht stimmen müsste das bei der Tympanometrie auffallen. Dann wäre die Kurve zu flach (also nicht gipfelig) oder grob verschoben.

Schalleitungsschwerhörigkeit ist nach dem Befund den du gepostet hast nicht der Fall. Das Problem liegt also jenseits des Mittelohres. Da bleiben als Kanidaten noch Innenohr (Cochlear) und Hörnerv übrig. Wo es genau liegt, da wären die Bera-Kuven ganz hilfreich.
Li-Re-kHz
45-30-0,125
40-35-0,25
45-45-0,5
55-65-0,75
55-65-1
50-70-2
60-65-3
55-65-4
45-65-6
60-50-8
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, das letzte Mal am 06.04.2017, 20:53 von Quotenkrüppel. ↑  ↓

#13 06.04.2017, 21:05
fast-foot Abwesend
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Betreff: Re: Baby mit Schwerhörigkeit ab 60db
Ja, ich habe die Tympanometrie-Ergebnisse gesehen (aber dann wieder vergessen), danke für den Hinweis!

Wobei auch noch steht, dass die Belüftung der Pauke nicht beurteilbar sei. Und eine Belüftungsstörung kann auch Paukenergüsse zur Folge haben und somit eine Schallleitungsstörung (deshalb habe ich diese Möglichkeit erwähnt, ohne jedoch die Ergebnisse der Tympanometrie präsent zu haben).

Gruss fast-foot
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