GdB bei Halbtaubheit?

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Estelle
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GdB bei Halbtaubheit?

#1

Beitrag von Estelle »

Hallo,

ich lese ständig etwas über den Grad der Behinderung bei Taubheit, doch wie sieht es mit dem GdB bei Taubheit auf einem Ohr plus zusätzlichen Kriterien aus?

Meine Situation:
- ich bin derzeit 27 Jahre alt
- im Alter von 4 Jahren hatte ich auf beiden Ohren eine Mittelohrentzündung. Zwei Wochen später gab es im linken Ohr einen Paukenerguss und seitdem höre ich keinen Ton mehr.
- auf dem rechten Ohr höre ich laut Aussagen verschiedener Personen (unabhängig voneinander) auch nicht 100%ig
- meine Sprachentwicklung wurde nicht beeinträchtigt. In Diktaten schrieb ich immer unbeirrt Einsen und ich studiere heute Fremdsprachen.
- im Physikunterricht (wir sprachen dort über Schall) musste ich leider feststellen, dass ich die tiefsten und die höchsten Frequenzen, die im normalen Hörbereich eines Menschen liegen, überhaupt nicht hören konnte

Mein Gleichgewicht (der Gleichgewichtssinn liegt, soweit ich weiß, in den Innenohren) ist auch nicht das Beste und es wird, soweit ich merke, im Laufe der Zeit immer schlimmer.
- auf einer umgedrehten Bank zu balancieren war für mich früher im Sportunterricht schon undenkbar
- ich kann keine noch so kleine Treppe heruntergehen ohne mich an einem Geländer oder an einer Wand festzuhalten. Sobald ich zusätzlich etwas in der Hand habe ist es noch schlimmer. Ich fühle dabei richtig, wie meine Knie weich werden.
- sobald ich müde oder kaputt bin schwanke ich beim Gehen laut anderen Personen stark (so als ob ich betrunken wäre)

Vom Hören her habe ich in einigen Situationen Probleme:
- im Straßenverkehr überhöre ich manchmal Sachen
- wenn ich in einer Menschenmasse bin und alle gleichzeitig sprechen habe ich nach sehr kurzer Zeit extreme Kopfschmerzen, weil ich mich stark konzentrieren muss, um überhaupt etwas mitbekommen zu können
- das Gleiche wenn ich in einer kleinen Runde bin und zwei oder mehr Personen gleichzeitig sprechen
- in meinem Nebenjob muss ich bei Telefonaten immer nachfragen und sei es nur der Name meines Gesprächspartners. Besonders wenn die anderen Personen leise oder undeutlich sprechen habe ich ziemliche Probleme
- nach nicht kurzen Telefonaten mit z.B. Freunden habe ich stets Kopfschmerzen und deutliche Schmerzen im rechten Ohr
- sobald ich mich z.B. mit Freunden getroffen habe, die viel reden, habe ich später auch Kopfschmerzen von der Konzentration
- wenn eine Person links neben mir ist und etwas sagt (normale Lautstärke), dann höre ich sie überhaupt nicht. Ich muss dann meinen Kopf komplett zu ihr hindrehen (auf Dauer bringt mri das nur Kopf- und Nackenschmerzen) oder sie bitten, auf die rechte Seite zu wechseln.
- Geräusche, die ich mit meinen rechten Ohr, wenn sie rechts neben mir sind, normal laut höre (z.B. ein Fön).. wenn das Geräusch links von mir ist, dann höre ich es (mit rechts), als ob es weit weg von mir wäre
- Von starkem Lärm fühle ich mich gestört bzw. fühle mich nicht wohl damit (z.B. beim Staubsaugen). Ich bin lieber irgendwo, wo es ruhig ist.

Es ist in diesen Situationen so, dass ich meine Halbtaubheit da als wirkliches Problem empfinde.

zusätzliche Informationen:
- von der 5. bis zur 11. Klasse habe ich ein Hörgerät getragen, es hat aber nichts gebracht
- von Fachärzten wurde uns das letzte Mal vor über 15 Jahren gesagt, dass das mit meinem Ohr inoperabel ist und vor knapp 10 Jahren wurden uns von verschiedenen Ärzten nur Lösungen mit Hörgeräten oder ähnlichen Geräten vorgeschlagen, aber die bringen ja nichts.

Ich habe noch keinen Test oder ähnliches machen lassen oder gar einen Antrag gestellt. Würde meine Situation überhaupt einen Grad der Behinderung ergeben oder ist Halbtaubheit in dem Fall keine Behinderung?
rhae
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Re: GdB bei Halbtaubheit?

#2

Beitrag von rhae »

Estelle hat geschrieben:Würde meine Situation überhaupt einen Grad der Behinderung ergeben oder ist Halbtaubheit in dem Fall keine Behinderung?
Da hast Du zwar jetzt eine lange Leidensgeschichte beschieben, aber vom Hören her bist Du einseitig ertaubt und der GdB wäre damit nur 20. Die Sachbearbeiter müssen aber auch die anderen Beeinträchtigungen beachten und werden mit Sicherheit einen höheren GdB vergeben - wie hoch genau der sein wird ist aber in großen Teilen eine Ermessenssache des jeweiligen Sachbearbeiters, das wird niemand vorhersagen können.

vg Ralph
Momo
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Re: GdB bei Halbtaubheit?

#3

Beitrag von Momo »

Liebe Estelle,

bevor du dir Gedanken über einen GdB machst, rate ich dir dirgend all deine Beeinträchtigung bei einem spezialisierten HNO (Pädaudiologischen Praxis/ Klinik) gründlich abklären zu lassen.
Wichtig zu wissen wäre (ohne Anspruch auf Vollstädnigkeit - das fällt mir spontan ein):
- ist das eine Ohr wirklich taub (wo liegt das Problem)
- wie stark ist das gute Gegenohr beeinträchtigt (Tonaudiogramm und Sprachaudiogramm) und ist dort ein Hörgerät indiziert
- Abklärung des Schwindels

Erst wenn das abgeklärt ist, kann man darüber nachdenken, ob und wenn ja wie man das taube Ohr versorgen kann und dann kann man auch einen Antrag auf Schwerbehinderung stellen (dafür brauchst du eh ärztliche Befunde).

Grüße
Wiebke und Sohn (fast 21 Jahre) mit 1 HG und 1 CI
maryanne
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Re: GdB bei Halbtaubheit?

#4

Beitrag von maryanne »

Hallo Estelle,
bitte gehe folgendermaßen vor:
HNO-Arzt: Hörtest (Ton- und Sprachaudiogramm) sowie Gleichgewichtsuntersuchung

Die ERgebnisse von beidem stelle bitte hier ein und dann können wir dir sagen, welcher GdB dir zusteht.
Sorry, ich sehe gerade, dass Momo ähnliches geschrieben hat :)

Abgesehen von deinen konkreten Problemen mit dem schlechteren Hören: heutzutage kann man bei einseitiger Taubheit ein Cochlea Implantat bekommen, sofern der Hörnerv in Ordnung ist. Das gibt zwar keine Prozente auf dem Ausweis, aber vielleicht die Möglichkeit des besseren Verstehens.

Heute ist die med.techn. Entwicklung sehr viel weiter als vor 10 Jahren - auch wenn einige HNO-Docs das noch nicht mitbekommen haben.

maryanne
fast-foot
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Re: GdB bei Halbtaubheit?

#5

Beitrag von fast-foot »

Hallo Estelle,
Estelle hat geschrieben:- Von starkem Lärm fühle ich mich gestört bzw. fühle mich nicht wohl damit (z.B. beim Staubsaugen). Ich bin lieber irgendwo, wo es ruhig ist.
Ein Staubsauger ist im Nomalfall nicht besonders laut. Hier kommt ein Recruitment in Betracht (wahrscheinlich auf dem rechten Ohr, links sind vermutlich die inneren Haarzellen so stark geschädigt, so dass dieses so zu sagen nicht mehr ins Gewicht fällt bzw. fallen würde).
Es könnte aber auch eine Hyperakusis vorliegen (einfach gesagt eine Geräuschüberempfindlichkeit). Aber aufgepasst: Diese Diagnose wird oft gestellt, wenn man nicht so genau weiss, was los ist. Ein vulnerables Innenohr kommt für mich auch in Betracht (hier ist noch mehr Vorsicht geboten, da sich hier beinahe niemand auskennt).

Die Schmerzen im Ohr KOENNEN auf ein Druckproblem im Innenohr hin deuten. Bemerkst Du in solchen Phasen ein schlechteres, unter Umständen auch verzerrtes Hören vor Allem im Tieftonbereich und ev. (zusätzlichen) Schwindel (könnte auf einen endolymphatischen Hydrops (mit ev. Morbus Menière) hin deuten)?
Ein Druckproblem kann natürlich auch im Mittelohr vorhanden sein. Versuch' doch Mal, in solchen Situationen einen Druckausgleich vor zu nehmen (Nase zuhalten und vorsichtig "Druck auf die Ohren geben", bis "die Ohren aufgehen")! Wenn es dann besser ist, ist es (auch) ein Belüftungsproblem des Mittelohrs. Wenn Du den Druckausgleich nicht durchführen kannst, ist ebenfalls ein Mittelohrproblem vorhanden (ev. nicht ausschliesslich).
Estelle hat geschrieben: zusätzliche Informationen:
- von der 5. bis zur 11. Klasse habe ich ein Hörgerät getragen, es hat aber nichts gebracht
- von Fachärzten wurde uns das letzte Mal vor über 15 Jahren gesagt, dass das mit meinem Ohr inoperabel ist und vor knapp 10 Jahren wurden uns von verschiedenen Ärzten nur Lösungen mit Hörgeräten oder ähnlichen Geräten vorgeschlagen, aber die bringen ja nichts.
Ich vermute, dass damals nur das linke Ohr mit einem Hörgerät versorgt wurde. Von daher könnte ein Versuch (auch auf der rechten Seite, die vermutlich schlechter geworden ist) neue Resultate zu Tage fördern, zumal sich die Hörgeräte entwickelt haben (für das linke Ohr sieht es heute vielleicht besser aus). Sollte (vor Allem rechts) ein vulnerables Innenohr vorliegen, ist eine HG-Versorgung nicht geeignet. Auch eine Hyperakusis müsste erst behandelt werden (auf die Gefahr hin, dass die Diagnose falsch ist und die Behadlung eher kontraproduktiv).

Eine CROS-Versorgung könnte ebenfalls etwas bringen (überträgt einfach gesagt die Geräusche von der linken Seite auf die rechte). Hier ist aber auch Vorsicht geboten und Rücksicht auf Dein empfindliches rechtes Ohr zu nehmen.

Eine Hörgeräteversorgung für das linke Ohr ist nicht möglich, wenn eine grosse Differenz der Hörfähigkeiten beider Innenohren besteht (ist bei Dir vermutlich der Fall).

Gruss fast-foot
Ausgewiesener Spezialist* / Name: Wechselhaft** / Wohnsitz: Dauer-Haft (Strafanstalt Tegel) / *) zwecks Vermeidung weiterer Kollateralschäden des Landes verwiesen / **) Name fest seit Festnahme
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